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170 - Hüte den Speer - Magiure, Margo

170 - Hüte den Speer - Magiure, Margo

Titel: 170 - Hüte den Speer - Magiure, Margo
Autoren: Margo Maguire
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  PROLOG
     
    Winteranfang
    West Cheshire, England
    Im Jahre des Herrn 1428
    Es war eine lange und qualvolle Nacht, die Keelin O’Shea weder Ruhe noch Trost bot. Heimgesucht von wirren Träumen und schrecklichem Albdruck sah sie voraus, dass sie und ihr Onkel Tiarnan in Gefahr schwebten. Ihre seherischen Fähigkeiten kamen Keelin jetzt zugute. Sie spürte, dass die Krieger der Mageean in der Nähe sein mussten, und sie hatte keine andere Wahl, als die altehrwürdige Lanze ihres Clans aus dem Versteck zu holen. Nur wenn sie das kostbare Heiligtum berührte, konnte sie vielleicht Genaueres über ihre gegenwärtige Lage erfahren.
    Eines Tages, in gar nicht allzu ferner Zukunft, könnte sie die Fremde verlassen. Sie würde nach Irland zurückkehren und den Mann ehelichen, der bereits vor Jahren von ihrem Vater Eocaidh O’Shea, dem Clanführer der Ui Sheaghda, ausgewählt worden war. Was für ein Trost, bald einen starken und selbstbewussten Kämpfer bei sich zu haben, der für sie sorgte und sie beschützte; welch eine Erleichterung, sich nicht bei jedem Schritt umschauen zu müssen oder bei knarrenden Geräuschen und bedrohlichen Schatten zusammenzuzucken. Wie sehr sie sich freute, an jenen Ort zurückzukehren, an dem sie sich heimisch fühlte!
    Tränen traten Keelin in die Augen, da die Gedanken an den Clan ihr Herz rührten. Das einsame, entwurzelte Dasein, das sie und Tiarnan seit vier Jahren fristeten, hatte sie zermürbt. Sie konnte nicht länger in diesem fremden Land verweilen.
    Es war keineswegs günstig, die weite Reise jetzt anzutreten, denn der Winter nahte, aber es waren nur noch wenige Münzen in dem Geldbeutel, den Tiarnan einst bei der Flucht aus Irland mitgenommen hatte. Wenn sie den Aufbruch weiter hinauszögerten, wäre bald kein Geld mehr übrig, um die Fahrt über die Irische See zu bezahlen.
    Keelin wusste, dass sie den Verstand verlieren würde, sollte sie durch widrige Umstände noch länger von ihrem geliebten Heimatland getrennt bleiben. Sie wollte endlich wissen, wie es nach der Schlacht, in der ihr Vater sein Leben gelassen hatte, um ihren Clan stand. Nach jenem unglückseligen Ereignis waren sie und Tiarnan zur Flucht quer durch Irland gezwungen worden, und seither war die Lanze der Sheaghda in ihrer Obhut. Mit unstillbarem Verlangen sehnte sie sich nach ihren Anverwandten und auch nach den anderen Mädchen aus dem Dorf bei Carrauntoohil.
    Nicht, dass Onkel Tiarnan ihr nichts bedeutete. Ganz im Gegenteil – Keelin liebte den alten Mann so sehr, wie man einen Menschen nur lieben kann. Aber in ihm war keine Jugend und keine Kraft mehr. Das Überleben hing einzig und allein von Keelins Fähigkeiten ab, doch sie fühlte, dass sie diese Aufgabe nicht mehr länger allein bewältigen konnte.
    Keelin erhob sich von ihrem dürftigen Lager und schaute zu Tiarnan hinüber. Der alte Mann mit dem schneeweißen Bart schlief tief und fest und atmete durch den halb geöffneten Mund. Wie gut, dass er noch ruhte, denn er hatte sich nur mühsam von dem Lungenfieber erholt und war noch immer schwach. Es würde ihm keineswegs guttun, jetzt aufzustehen und voller Sorge mit anzusehen, wie Keelin die Lanze in Händen hielt und ihre ganze Kraft auf das zweite Gesicht verwendete, das sie in den letzten vier Jahren beschützt hatte.
    Ihre Eingebungen hatten sie selten getrogen. Bereits im Schlaf hatte sie gespürt, dass die feindlichen Mageeans ganz in der Nähe waren, und sie wusste, dass sie und Tiarnan keine Zeit mehr vergeuden durften. Wohin sie nun flohen, war unbedeutend – sie mussten lediglich die Hütte aufgeben, die sie einst verlassen vorgefunden und mit viel Arbeit zu einer behaglichen Unterkunft gemacht hatten.
    Keelin warf sich ein warmes Tuch über die Schultern und gab noch etwas Torf ins Feuer, bevor sie nach draußen in die kalte Morgenluft trat. Das fahle Licht der anbrechenden Dämmerung wies ihr den Weg, als sie hinter die Hütte ging, wo sie einen grob gezimmerten Unterstand für das Maultier errichtet hatte, damit es nicht den Unbilden des Wetters ausgesetzt war. Daneben war noch Platz für den kleinen Karren und das wenige Werkzeug, das sie hatten.
    Vorsichtig tastete sie sich durch das Halbdunkel des Verschlags, gelangte zu dem Karren und ließ ihre Finger über das raue Holz fahren, um das schmale Versteck zu finden, das sie angelegt hatte. Sie konnte nur hoffen, dass das tragende Brett, welches sie von unten ausgehöhlt hatte, auch weiterhin als sicheres Versteck für die ihr

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