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1442 - Das Relikt

1442 - Das Relikt

Titel: 1442 - Das Relikt
Autoren: Jason Dark
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Und doch gab es eine Bewegung. Ein Mensch schritt über das Leichenfeld. Es war kein Krieger, kein Soldat, der zu irgendeiner feindlichen Partei gehört hätte. Es war ein Junge.
    Auch kein Kind, denn mit fünfzehn Jahren zählte man schon nicht mehr dazu. Ein junger Mann, der in seinem kurzen Leben bereits das Grauen kennen gelernt hatte und immer wieder den Kopf schüttelte, als er die Toten sah.
    Der Junge presste seine Hand gegen die Lippen. Er atmete nur durch die Nase. Der Rauch wehte ihn an. Er biss in die Augen.
    Ascheteile flogen durch die Luft, und wenn sie sich senkten, dann landeten sie auf den Leichen der Menschen und der Tiere.
    Es war Frühsommer, aber der Junge fror trotzdem. Und das lag an dem schrecklichen Anblick. Er hatte sein Pferd zurückgelassen und wusste selbst nicht, warum er über dieses Totenfeld schritt. Er hatte es einfach tun müssen. Eine innere Stimme hatte ihn dazu getrieben.
    Verbrannte und erstickte Menschen, wohin er schaute. Viele hatte das Feuer auf eine schreckliche Art und Weise verändert und sie zusammenschrumpfen lassen.
    Niemand würde sich um sie kümmern und sie begraben. Aber es würden die Vögel kommen und andere Tiere, die sich auf den starren Körpern niederließen und sie zerhackten, denn für sie waren die Toten nichts anderes als Nahrung.
    Unter den Schuhen des jungen Mannes raschelte es. Es war die trockene Asche, die er bei seinen Schritten aufwirbelte. An einigen Stellen sah er noch Rauch aus kleinen Brandnestern steigen, und er sah einen Soldaten, der im Stehen verkohlt war, zusammen mit einem Baum, an dem er sich festgehalten hatte. Der Junge fragte sich, wie ein Feuer so heiß werden konnte. Wahrscheinlich waren irgendwelche Mittel hinzugefügt worden, die die Flammen noch heißer gemacht hatten.
    Er ging weiter. Jeder Schritt war für ihn eine Qual. Aber er musste gehen. Die innere Stimme befahl es ihm. Er dachte an die Männer, die unterwegs waren, um Jerusalem und das Heilige Land zu befreien. Es würde nicht lange dauern, dann würde auch er auf sein Pferd steigen und losreiten.
    Noch befand er sich in der Heimat, die so wunderschön sein konnte, aber auch so grauenvoll.
    Sein Vater hatte ihm einen Auftrag gegeben. Er war als Bote eingesetzt worden, um einem Verwandten eine Nachricht zukommen zu lassen. In diesen Kampf war er praktisch durch einen Zufall hineingeraten. In sicherer Deckung hatte er zugeschaut und war dann über das Schlachtfeld gegangen.
    Der Tod hatte hier wie ein Berserker gewütet. Die Hölle würde sich über zahlreiche neue Seelen freuen, und der Satan konnte sich die Hände reiben.
    Sein Pferd war nicht mit ihm gegangen. Es hatte vor all den Toten gescheut. Es blieb am Rand des Schlachtfelds und trottete daher wie ein braver Hund.
    Die letzten Toten lagen ihm im Weg. Der Junge machte einen Bogen um sie, um danach in die Mulde hineinzugehen. Sie lag dort wie eine große flache Schüssel, war mit Strauchwerk und Gras bewachsen, an das das Feuer nicht herangekommen war.
    Den grünen Anblick saugte der junge Mann förmlich in sich auf, und er übersah auch nicht die alte Hütte aus Stein, die inmitten der Schüssel stand.
    Der Junge kannte die Hütte nicht. Aber wer hier in der Einsamkeit lebte, der konnte auf vieles verzichten, nur nicht auf Wasser. Als er daran dachte, fühlte sich seine Kehle noch trockener an als zuvor. Er sehnte sich nach einem Schluck, und so änderte er seine Richtung.
    Er wandte sich nach links und schritt in die flache Schüssel hinein.
    Der Wind traf ihn jetzt von vorn. Er kam von den fernen Bergrücken, und der Junge spürte ihn schon im Gesicht, bevor seine blonden Haare nach hinten geweht wurden.
    Dieser Wind roch nicht nach Tod. Und so genoss der einsame Wanderer ihn, als er über den flachen Boden schritt und der Hütte immer näher kam. Zwei so verschiedene Welten lagen dicht beisammen. Es würde nicht lange dauern, dann hatte man die Leichen entdeckt, aber in der folgenden Nacht würden sie noch auf der blutigen Erde liegen bleiben.
    Die Bilder konnte er einfach nicht vergessen. Die abgeschlagenen Beine und Arme, die verbrannten Köpfe. Er hatte auch keine Uniformen oder Rüstungen bei den Toten gesehen. Sie waren praktisch schutzlos in den Tod gelaufen.
    Von der linken Seite her vernahm der Junge Hufgetrappel. Er blieb stehen und drehte den Kopf.
    Sein Pferd lief auf ihn zu. Es war ein Falbe. Er liebte das Tier, mit dem er praktisch aufgewachsen war. Er hatte es Rocco genannt. So hatte auch sein

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