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097 - Leichenvögel

097 - Leichenvögel

Titel: 097 - Leichenvögel
Autoren: Larry Brent
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»Wer
einmal den Vogel sieht, der ist verloren«, sagen die Leute in Tonklin. Das ist
ein kleiner Ort im Norden Englands, den keine Karte verzeichnet, weil er
abseits vom Wege liegt und so winzig ist, daß kaum ein Mensch ihn beachtet.
    Die
zwanzig Häuser liegen versteckt zwischen Felsen. Nur eine schlecht
asphaltierte, kurvenreiche Straße führt auf das Plateau, auf dem es immer zugig
ist und wo auch im Sommer die Temperaturen nie so ansteigen, daß man dort ins
Schwitzen käme. Was Menschen veranlaßt hatte, diesen Ort im Bergland von
Cumberland einst zu gründen, wird ewig ein Rätsel bleiben.
    Fremde
kommen dort nicht hin, es sei denn, sie hätten sich verfahren.
    Anders
war die Sache mit David Gander.
    Er
suchte absichtlich die weit vom Schuß liegenden Nester, weil er sich ein
Geschäft davon versprach.
    Er
wußte nichts von dem Vogel, über den man sich so seltsame Geschichten erzählte.
    Er
bekam ihn aber zu sehen. Das wurde ihm zum Schicksal.
     
    ●
     
    Die
Luft war grau und knackig kalt. Ein Novembertag. Eisiger Wind fegte über die
Berge von Cumberland. Wolkenfetzen wurden vom Meer her in das Bergland getragen
und brachten Nieselregen, in den sich einzelne Schneeflocken mischten.
    David
Gander spitzte die Lippen und pfiff vergnügt das Liedchen mit, das aus dem
Autoradio plärrte. Der Lautsprecher quakte. Gander liebte es, das Gerät immer
überlaut aufzudrehen.
    Der
Mann aus Brighton fuhr verhältnismäßig schnell, obwohl er damit rechnen mußte,
daß in der nächsten Kurve die Straße spiegelglatt war. Bei der herrschenden
Temperatur konnte die Nässe auf den Straßen hier in sechshundert Metern Höhe im
Nu gefrieren.
    Im
Tal waren es noch plus fünf Grad Celsius, hier oben bewegte sich die Temperatur
bereits um den Nullpunkt.
    Rechts
am Straßenrand standen ein paar armselige kahle Büsche, an denen der Wind
zauste. Dazwischen vereinzelt schwarze, blattlose Bäume, die alle
krummgewachsen waren. Er passierte ein verfallenes Backsteingebäude, das
irgendwann einmal ein Gasthaus gewesen sein mochte und Reisenden in weit zurückliegender
Zeit als Unterkunft gedient hatte.
    Der
Weg führte steil bergan.
    Die
nächste Kurve.
    Der
Wagen rutschte hinten herum. Straßenglätte. Gander hatte bereits Winterreifen
aufgezogen, aber wenn sich das Wetter in den nächsten Stunden noch
verschlechterte, war er hier oben festgenagelt.
    Er
ging mit der Geschwindigkeit herunter und kam nur noch im Schritttempo
vorwärts.
    Draußen
pfiff der Wind. Der Regen wurde stärker.
    Noch
fünf Kilometer lagen vor ihm bis Tonklin. Bis dahin mußte er noch einen
Höhenunterschied von zweihundert Metern überwinden.
    Zerklüftete,
wie angefressen aussehende Berge. Kahl und feucht. Eine öde Gegend. Kein
Mensch, kein Fahrzeug. Weit und breit kein Grün.
    Einsam
und verlassen kam er sich vor.
    Wenn
hier sein Wagen streikte… er dachte nicht weiter darüber nach. Dies war
schließlich nicht seine erste Fahrt in eine abgelegene Gegend. Des öfteren
hatte er seit einem halben Jahr solche Orte aufgesucht, von denen man sagte,
daß sich dort Hase und Fuchs gute Nacht sagten.
    Aber
nur in solchen Orten war überhaupt noch etwas zu finden. In den Städten und
größeren Dörfern stöberte er nichts mehr auf, da war alles abgegrast oder man
mußte schon verdammtes Glück haben.
    Gander
suchte alte Uhren, Bilder, Münzen und Krüge, alte Postkarten und anderen
Trödelkram, für den in den Städten gut bezahlt wurde.
    Vor
einem halben Jahr hatte er zum ersten Mal auf dem Caledonian Market unter der
Tower-Bridge in London erfahren, daß man mit altem Kram leicht Geld machen
konnte.
    Die
Ware, die hier hoch bezahlt wurde, konnte man draußen im Land mit etwas
Geschick und Glück für ein paar Schilling einkaufen.
    Er
hatte ein altes Fabrikgebäude gemietet, das er als Lagerhalle benutzte und in
die er seine Ware aus allen Himmelsrichtungen zusammentrug.
    Die
Straße wurde noch schlechter, je näher er Tonklin kam.
    Das
große Kopfsteinpflaster der Dorfstraße lag verlassen vor ihm. In den Häusern
erkannte er hinter den Fenstern einige neugierige Gesichter, die ihre Nasen an
den beschlagenen Scheiben plattpreßten, um zu sehen, wer dort käme.
    Gander
lenkte seinen Wagen vor das Dorfwirtshaus. Er eilte die ausgetretenen
Sandsteinstufen empor. Der eisige Wind schnitt wie ein Messer in sein Gesicht.
    Gander
drehte den Kopf weg.
    Die
kleinen alten Fachwerkbauten mitten in diesen öden Bergen erinnerten an eine
vergangene Zeit, als noch Ritter

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