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0621 - Die Vergessene von Avalon

0621 - Die Vergessene von Avalon

Titel: 0621 - Die Vergessene von Avalon
Autoren: Jason Dark
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Noch peitschten die Schüsse, noch schmerzte der schrille Klang der Alarmsirene in ihren Ohren, doch die beiden Ausbrecher wußten, daß sie es geschafft hatten und sogar den Bluthunden entkommen waren.
    Die Männer hetzten keuchend den steilen Abhang hinab und vernahmen dabei die Musik der mächtigen Brandung.
    Da unten lag die Rettung.
    Hank, der Ältere, war geschafft. Die lange Zeit im Knast hatte ihn fertiggemacht. Seine Kondition war dahin. Bis zur Erschöpfung war er mit seinem Zellengenossen gerannt, jetzt spürte er überhaupt nicht mehr, wo er hinlief.
    Er sah keine Steine, er sah nicht das dürre, nasse Wintergras, das den Hang bedeckte, und er bekam auch nichts vom Widerschein der Suchscheinwerfer mit, die ihre langen Lichtlanzen in die stockdunkle Nacht hineinjagten.
    Er wollte nicht mehr, er konnte auch nicht. Sein Magen stemmte sich in die Höhe, und Hank mußte sich übergeben.
    Er brach, während er lief. Manchmal erschien schemenhaft der Rücken seines Zellenkollegen vor ihm, ein tanzender Schatten, mehr war es nicht. Nur ein Gebilde in der Finsternis, die von schräg heranpeitschenden Regenschauern zu einem nie abreißenden Duschbad gemacht wurde.
    Das Wasser hatte den Boden aufgeweicht. Die Männer rannten über das rutschige Gras, glitten über kleine Moosinseln hinweg und konnten nur diesen einen Pfad nehmen, der in Richtung Strand führte, wo auch das rettende Boot lag.
    Hank wollte sprechen, nicht einmal das schaffte er. Seine Kehle war zu. Eisenringe schienen sie eingeklemmt zu haben. Er schlenkerte beim Laufen auch nicht mehr mit den Armen, dafür hatte er es geschafft, sie weit vorzustrecken, als wollte er nach irgendwelchen Gegenständen greifen, die sich vor ihm befanden.
    Den Stein sah er nicht. Er wuchs wie ein spitzer Kopf aus dem Boden und war eine perfekte Stolperfalle.
    Mit dem rechten Fuß schleifte Hank darüber hinweg, mit dem linken blieb er hängen.
    Hank schrie noch, dann hob er förmlich ab. Die Wucht schleuderte ihn weit nach vorn und auf den Rücken des vor ihm laufenden Brian Fuller zu. Der hatte mit diesem plötzlichen Aufprall nicht rechnen können. Wie von einem Katapult wurde er nach vorn geschleudert. Er fluchte, weil er sich vor Schreck auf die Zunge gebissen hatte, dann raste die Erde auf ihn zu.
    Fuller riß im allerletzten Moment die Arme hoch, um sich zu schützen. So schlug er nicht mit dem Gesicht zuerst auf. Der Schwung aber drückte ihn weiter nach vorn, er überrollte sich und kam sich dabei vor wie auf einer Eisfläche.
    Mit einer Hand suchte er Halt an einem Busch und konnte sich daran festhalten.
    Keuchend blieb er liegen, drehte sich auf den Rücken und ließ die eiskalten Regentropfen auf sein Gesicht klatschen. Ihm kam der Gedanke, einfach liegen zu bleiben und sich irgendwann festnehmen zu lassen. Gleichzeitig wußte er, daß sein Zellenkumpan Hank vor Schwäche gefallen war. Es hieß im Klartext, dieser Mann wurde für ihn zu einer Belastung, und so etwas liebte Brian überhaupt nicht.
    Seine Gedanken spiegelten sich auf dem nassen Gesicht wider, als er sich erhob. Die Augen funkelten. Mit der rechten Hand schlug er gegen die linke Jackentasche. Im Innern steckte das Messer, die einzige Waffe, die beide besaßen. Er hatte es aus der Gefängnisküche gestohlen.
    Fuller ließ das Messer stecken, als er die wenigen Schritte zurückging.
    Hank lag noch immer auf dem Rücken, war total erschöpft. Die wenigen dünnen Haare lagen wie nasse Spinnweben auf seinem runden Kopf, die Augen stierten blicklos und schienen den anderen Mann nicht wahrzunehmen.
    Wegen der Schräge des Abhangs mußte sich Fuller breitbeinig hinstellen. Schweigend starrte er seinen Zellenkumpan an. In der Ferne war noch das Heulen der Sirenen zu hören, auch die Suchlichter wischten wie helle Fahnen durch die Regennacht.
    Sie durften keine Zeit verlieren, nicht einmal Sekunden. Deshalb fuhr Fuller den anderen hart an. »Hoch mit dir!«
    »K… kann nicht …«
    »Was sagst du?«
    »Ich kann nicht mehr, verdammt! Ich… ich bin am Ende. Verstehst du das?«
    »Nein.«
    »Laß mich hier liegen, Brian. Hau ab – allein.«
    Fuller überlegte einen Moment, während das Regenwasser in kalten Bahnen über sein Gesicht rann. Noch bot ihnen die Dunkelheit Schutz. Bald würden oben am Hang die ersten Lichter der Stablampen aufblitzen, dann dauerte es nicht mehr lange, bis die Meute mit ihren Hunden den Hang herabkam. »Nein, Hank, so lasse ich dich nicht zurück!«
    »Aber ich will nicht

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