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019 - Woelfe in der Stadt

019 - Woelfe in der Stadt

Titel: 019 - Woelfe in der Stadt
Autoren: Neal Davenport
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Helen O’Hara fuhr in die Garage und stieg aus dem schneeweißen Porsche. Sie fühlte sich unendlich müde. Heute hatte sie Premiere im Studebaker Theater gehabt. Sie schob sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, griff nach ihrer Handtasche und schlug die Wagentür zu.
    Nach der Vorstellung waren die Schauspieler mit einigen guten Freunden ins Pearson übergesiedelt und hatten gespannt auf die Morgenausgaben der Chicagoer Zeitungen gewartet. Das Stück war ein Erfolg; die Kritiken waren umwerfend gut gewesen, und Helen O’Hara hatte einen Großteil der Lorbeeren für sich einheimsen können.
    Sie pfiff leise vor sich hin, als sie das Garagentor zuzog und auf das Haus zuging. Der Himmel war bedeckt; nur gelegentlich lugte der Vollmond hervor. Die hohen Silbertannen wiegten sich leicht im Wind. Überall waren Schatten, die sich wie Lebewesen bewegten. Sie begannen zu tanzen, verschmolzen und teilten sich wieder.
    Helen ging den mit Kies bestreuten Weg entlang. Irgendwo kreischte ein Vogel, der aus seiner Nachtruhe aufgestört worden war. Hinter sich hörte sie plötzlich ein Geräusch. Sie blieb stehen und drehte sich um. Da war irgendjemand im Garten. Ein Busch bewegte sich. Wahrscheinlich eine herumstreunende Katze, beruhigte sich Helen.
    Sie ging weiter. Der Kies knirschte unter ihren Füßen. Und wieder hörte sie ein Geräusch. Diesmal drehte sie sich nicht um, sondern schritt rascher aus.
    Sie hörte die Schritte hinter sich, dann das durchdringende Brüllen. Entsetzt drehte sie den Kopf zur Seite.
    »Nein!« schrie sie und begann zu laufen.
    Sie öffnete die Handtasche und zog den Schlüsselbund hervor. Die Tasche fiel zu Boden, doch sie hatte keine Zeit, sie aufzuheben. Sie stolperte, konnte gerade noch das Gleichgewicht halten, verlor einen Schuh und rannte keuchend weiter.
    Wieder hörte sie ein Brüllen hinter sich. Ihr Gesicht war vor Angst verzerrt. Schweiß rann über ihre Stirn.
    »Hilfe!« schrie sie und schlüpfte aus dem zweiten Schuh. Mit der rechten Hand zog sie den Rock höher, damit sie besser laufen konnte.
    Das Keuchen hinter ihr kam immer näher. Sie traute sich nicht, den Kopf umzuwenden. Noch wenige Meter, dann würde sie das Haus erreicht haben.
    Etwas schnappte nach ihren Beinen. Sie konnte sich losreißen. Seltsamerweise spürte sie den Schmerz nicht, den die scharfen Zähne ihr zugefügt hatten.
    Dann bekam sie plötzlich einen Stoß in den Rücken, fiel auf die Knie und zerriss sich die Strumpfhose. Sie versuchte aufzustehen. Ein schwerer Körper fiel auf sie. Sie spürte den heißen Atem in ihrem Nacken, drehte sich zur Seite und schlug um sich. Grün schillernde Augen starrten sie an, und ein übelriechender Atem streifte ihr Gesicht.
    »Bitte nicht!« keuchte sie. »Hilfe!«
    Die Lefzen des Wolfes wurden zurückgezogen und entblößten eine Reihe scharfer Zähne; eine lange rosige Zunge schoss hervor.
    Der Wolf war riesig, sein Fell schwarz, der Schädel gedrungen, die Schnauze spitz zulaufend, und die Ohren waren klein und steil aufgerichtet.
    Die spitzen Zähne schnappten jetzt nach ihrem Gesicht. Abwehrend hielt sie eine Hand davor. Die Bestie verbiss sich in ihrem Handgelenk, und sie schrie vor Schmerzen auf.
    Ein zweiter Wolf kam dazu. Sein Fell war silbergrau und gesträubt; der schmale Schädel wirkte fast menschlich. Mit einem heiseren Brüllen, das tief aus der Kehle kam, verbiss er sich in ihrem rechten Bein.
    Helen schrie durchdringend auf, doch niemand hörte sie.
    Der Mond kam hinter den Wolken hervor, und plötzlich ließen die beiden Bestien von ihr ab.
    Helen stand schwankend auf. Ihr Kleid war zerrissen. Die Wunden schmerzten höllisch. Sie packte die Schlüssel und taumelte auf die Tür zu. Die Bestien verfolgten sie mit lauernden Blicken.
    Helen steckte den Schlüssel ins Schloss und sperrte auf. Doch bevor sie noch die Tür öffnen konnte, sprang sie der grauhaarige Wolf an. Er erwischte sie an der Wange und biss zu. Helen lehnte mit dem Rücken an der Tür, packte die Türklinke und drückte sie nieder. Doch sie erreichte das rettende Innere des Hauses nicht mehr. Die beiden Bestien waren wie von Sinnen. Immer wieder bissen sie zu. Helen schlug auf die Wölfe ein, aber sie wurden nur noch wütender dadurch.
    Schließlich lag die Schauspielerin auf dem Boden. Sie war ohnmächtig geworden. Die Wölfe ließen noch immer nicht von ihr ab und zerrten ungeduldig an ihren Armen und Beinen. Helen kam noch einmal zur Besinnung, schrie noch einmal auf, dann gruben sich

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