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Wallander 09 - Der Feind im Schatten

Wallander 09 - Der Feind im Schatten

Titel: Wallander 09 - Der Feind im Schatten
Autoren: Henning Mankell
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Prolog
    Die Geschichte beginnt mit einem Wutanfall.
    Noch kurz zuvor hatte in der schwedischen Regierungskanzlei, wo der Vorfall sich abspielte, morgendliche Stille geherrscht. Die Ursache war ein Bericht, der am Vorabend abgegeben worden war und den der schwedische Ministerpräsident jetzt, an seinem dunklen Schreibtisch sitzend, las.
    Es war einer der ersten Frühlingstage im Jahre 1983 in Stockholm, ein feuchter Dunst hing über der Stadt, und die Bäume hatten noch nicht ausgeschlagen. In den Ministerien sprach man natürlich genauso viel übers Wetter wie an anderen Arbeitsplätzen. Wenn es um Wetter und Wind ging, wandten sich alle in den allerheiligsten Räumen der Regierungskanzlei an Åke Leander. Es hieß, er könne mit den sichersten Wettervorhersagen aufwarten.
    Leander hatte vor einigen Jahren einen Titel bekommen, der vornehmer klang als »Hausmeister«, vielleicht war er »Vorstand der Hausverwaltung« oder etwas in der Art. Er selbst betrachtete sich jedoch weiterhin als Hausmeister und hatte nicht das Bedürfnis, eine neue Berufsbezeichnung zu tragen.
    Åke Leander war schon immer da gewesen, stets in der Nähe von Ministern und Staatssekretären, die kamen und gingen. Er gehörte zum Inventar, war pflichtbewusst und diskret. Jemand hatte mal im Scherz vorgeschlagen, er solle nach seinem Tod der Schutzheilige der Regierungskanzlei werden, ein freundliches Phantom, das seine Hand über ihre Anstrengungen hielt, die Geschicke des Landes Schweden zu lenken.
    Dass er so viel über Wind und Wetter wusste, lag an dem Hobby, das Åke Leander neben seiner Arbeit betrieb. Er war unverheiratet und wohnte in einer nicht gerade großen Zweizimmerwohnung auf Kungsholmen. Hier pflegte er ein weltumspannendes Netz von Freunden, mit denen er als eifriger Amateurfunker in ständigem Kontakt stand. Er kannte seit langem die meisten Codewörter im Abkürzungsjargon der Amateurfunker auswendig. Nicht nur, dass QRT bedeutete »Sendung abbrechen« oder dass AURORA Empfangs- und Sendestörungen aufgrund hochfrequenten Nordlichts erklärte. Fast jeden Abend saß er mit den Kopfhörern da und sendete sein QRZ: »Sie werden angerufen von …« und dann sein Name. Die Legende berichtet, dass vor sehr langer Zeit der damalige Ministerpräsident aus einem nicht bekannten Grund wissen musste, welches Wetter im Oktober und November auf Pitcairn Island vorherrschte, jener entlegenen Insel im Stillen Ozean, auf der die Seeleute der Bounty nach der Meuterei gegen Kapitän Bligh das beschlagnahmte Schiff verbrannt hatten, um danach für immer dort zu bleiben. Åke Leander hatte dem Ministerpräsidenten am folgenden Tag die gewünschten Auskünfte über das Wetter erteilt. Und natürlich hatte er nicht gefragt, warum. Er war, wie bereits erwähnt, äußerst diskret.
    »Åke Leander verfügt über bessere internationale Kontakte als irgendeiner im Außenministerium«, pflegte man ein wenig boshaft zu sagen, wenn er gemessenen Schritts durch die Korridore ging.
     
    Als der Ministerpräsident die letzte Seite gelesen hatte, stand er auf und trat an ein Fenster. Draußen wirbelten Möwen in der Luft.
    Es ging um die U-Boote. Die verfluchten U-Boote, die im Herbst 1982 vermutlich in schwedische Hoheitsgewässer eingedrungen waren und die Landesgrenzen verletzt hatten. Genau in der Zeit hatte in Schweden die Wahl stattgefunden,und Olof Palme war vom Sprecher des Reichstags mit der Regierungsbildung beauftragt worden, nachdem die Bürgerlichen eine Anzahl Mandate verloren hatten und im Parlament unterlegen waren. Bei ihrem Amtsantritt hatte die neue Regierung eine Kommission zur Aufklärung der Vorkommnisse mit den U-Booten eingesetzt, die man nie zum Auftauchen hatte zwingen können. Sven Andersson war der Vorsitzende des Ausschusses gewesen, dessen Bericht jetzt vorgelegt worden war. Olof Palme hatte ihn gelesen. Und er verstand nichts. Die Schlussfolgerungen der Untersuchung waren unbegreiflich. Olof Palme war außer sich.
     
    Doch ist festzuhalten, dass Olof Palme nicht zum ersten Mal über Sven Andersson in Rage geriet. Eigentlich reichte seine Abneigung gegen ihn bis zu jenem Tag im Juni 1963 zurück, als unmittelbar vor Mittsommer ein grauhaariger siebenundfünfzigjähriger Mann in eleganter Kleidung auf der Riksbro mitten im Zentrum von Stockholm festgenommen worden war. Es ging so diskret vor sich, dass niemand aufmerksam wurde. Der Festgenommene hieß Wennerström, war Oberst der schwedischen Luftwaffe und von diesem Moment an

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