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Silvy macht ihr Glück

Silvy macht ihr Glück

Titel: Silvy macht ihr Glück
Autoren: Berte Bratt
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1
     
     
    Sylvi schloß behutsam die Tür zum Kinderzimmer und trat zu ihrer Schwägerin, die mit einer Stopfarbeit im Wohnzimmer saß.
    „Endlich sind die Herrschaften eingeschlafen, allerdings beide mit ungelösten Problemen. Tore weiß nicht, ob er Flieger oder Straßenbahnschaffner werden soll, wenn er groß ist. Und Goggen überlegt, ob man nicht das Lebkuchenhäuschen der bösen Hexe anknabbern könnte, ohne daß die Alte es gleich merkt. Wirf mir einen Strumpf herüber, Hanne, jetzt kann ich dir helfen.“
    „Nun ruh dich lieber etwas aus, Sylvi, und zünde dir eine Zigarette an. Für heute hast du genug getan.“
    „Ach, Unsinn. Ich platze beinahe vor unverbrauchter Energie, gar nicht zu reden von Muskelkraft.“
    „Wenn du unbedingt etwas tun willst, kannst du ja Hegards Essen aufwärmen und den Tisch decken.“
    „Du bist ja gut, Hanne! Natürlich mußtest du mir etwas auftragen, das mit Essen zu tun hat. Du weißt doch, das einzige, was ich vom Essen verstehe, ist, daß gutes Essen herrlich schmeckt, wenn man hungrig ist.“
    „Und darüber hinaus kannst du eine Makrele und einen Rinderbraten kaum unterscheiden, jedenfalls nicht, ehe beides gebraten auf dem Tisch steht. Also nimm den Strumpf da, dann gehe ich in die Küche.“
    Sylvi zog den weißen Kinderstrumpf über die Hand und begann an einem Riesenloch in der Ferse zu stopfen.
    Übrigens gehörte Stopfen auch nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Sie tat lieber etwas, wozu man seine Kräfte und seine Erfindungsgabe gebrauchen konnte, etwas, das Spannung und Tempo versprach.
    „Hallo, Schwesterchen! Sehe ich recht? Stopfst du wirklich, oder ist das nur Theater, um Eindruck auf mich zu machen? Aber von Scherz zu Ernst. Was hast du denn mit dem Auto gemacht?“
    „Nichts, das ist ja gerade der Fehler! Ich hätte heute vormittag nachsehen sollen. Der Motor bockte, als ich Hanne und die Buben zur Stadt fuhr. Was ist denn jetzt damit los?“
    „Der Motor bockt natürlich immer noch.“
    „Setz dich hin und iß, geliebter Bruder. Ich will mal die Zündkerzen nachsehen.“
    Doktor Hegard Ecker blickte seiner Schwester lächelnd nach, als sie mit allen Zeichen der Erleichterung den Strumpf von sich warf und pfeifend der Garage zustrebte.
    „Worüber lächelst du?“ fragte seine Frau, die mit einer dampfenden Platte in den Händen hereinkam.
    „Sylvi“, sagte Hegard Ecker, „ist ein Mädel, das sich nicht unterkriegen läßt.“
    „Wirklich, sie ist großartig“, sagte Hanne. „Komm jetzt und iß, mein Lieber. Du mußt ja todmüde sein nach all den Krankenbesuchen.“
    Nein, Sylvi ließ sich wirklich nicht unterkriegen.
    Sie war in Reichtum und Luxus aufgewachsen, hatte gute Schulen besucht und große Reisen unternommen. Als einzige Tochter und jüngstes Kind des reichen Reeders Eriksen – später mit behördlicher Erlaubnis Ecker genannt – war Sylvi gewiß recht verwöhnt worden. Sie galt als das reichste und glücklichste Mädchen in der kleinen Stadt. Sylvi ritt, Sylvi spielte Tennis, sie war eine hervorragende Skiläuferin, sie segelte und hatte ihr eigenes Kajak.
    Aber am liebsten fuhr Sylvi Auto. Sie behauptete von sich selbst, daß sie per du sei mit allem, was mit Motoren zu tun habe. Sie beschränkte sich nicht darauf, Steuer, Gas und Schaltung behandeln zu können, nein, sie kannte den Motor in- und auswendig, sie hatte ein feines Ohr für die kleinste Abweichung in dem gleichmäßigen Summen, und sie hatte geschickte Finger, wenn es galt, Defekte zu finden und zu beheben. Sie nahm an Autorennen teil und gewann Preise, und seit sie achtzehn war, war sie auf allen Reisen ihres Vaters sein Chauffeur, bis – ja, bis der Krach kam und der Vater starb.
    Sylvi hatte nichts von den Schwierigkeiten geahnt, die ihrem Vater in den letzten Jahren Furchen ins Gesicht gegraben hatten, nicht geahnt, daß sie so ernster Natur waren. Es kam wie ein Schock über sie, gleich nach dem Tode ihres Vaters.
    Es war nicht zum Konkurs gekommen, alle Gläubiger wurden voll abgefunden. Aber da war auch das Haus verkauft, das schöne Haus mit Park und der großen Terrasse. Segelboot und Auto waren verkauft, die Hütte im Gebirge und das Landhaus an der See – nichts war übriggeblieben von dem früheren Reichtum.
    Das war nun einige Monate her. Und Sylvi war jetzt dreiundzwanzig.
    Mitten in all der Aufregung und der Trauer gab es doch den Trost, daß Hegard schon seinen eigenen Beruf hatte. Er war zehn Jahre älter als sie und hatte eine gute

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