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Shane - Das erste Jahr (German Edition)

Shane - Das erste Jahr (German Edition)

Titel: Shane - Das erste Jahr (German Edition)
Autoren: Julia von Rein-Hrubesch
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Willst du es wirklich wissen?
     
    Das Mädchen schrak aus dem Traum hoch, es atmete schnell, und eine schwarze, schweißnasse Strähne klebte ihm im Gesicht. Es wischte sie mit einer fahrigen Bewegung beiseite. Seine schmalen Schultern gingen auf und ab. Es sah sich hektisch in dem Zimmer um. Sein Mund stand offen und die kleinen Hände krallten sich ins Laken.
    „Mama!“
     
    Der Tag kündigte sich mit kaltem Dunst an. Es war bereits Oktober, doch die Stadt zeigte sich noch nicht eingehüllt von dichtem Nebel. Der Winter ließ dieses Jahr auf sich warten, und hätten sie gewusst, mit welchen eisigen Fingern er sie für eine lange Zeit, eine sehr lange Zeit im Griff haben würde, so hätten die Menschen in dieser Stadt auch gern noch ein bisschen länger gewartet.
     
    Etwas außerhalb der Stadt, in einer gepflegten Straße, in der ein Haus dem anderen glich, konnte in einem der Häuser in der Nacht im Obergeschoß in einem der drei Kinderzimmer ein Mädchen nach einem Traum nicht mehr schlafen, und in einem der unteren Räume brannte in diesen frühen Morgenstunden bereits Licht.
    Der Mann stand vor dem Toaster und wartete auf das klickende Geräusch, welches ankündigte, dass ihm die gebräunten Brotscheiben entgegen springen würden. Er schüttelte den Kopf. „Ich finde nicht, dass wir das tun sollten.“
    „Aber sie hatte schon wieder einen Albtraum!“ Die Frau rührte einen Löffel in der Tasse, was unnötig war, denn sie hatte weder Milch noch Zucker in ihren Kaffee geschüttet, sie trank ihn am liebsten schwarz.
    „Gertie.“ Der Mann drehte sich um. „Sie kommt zur Schule. Es ist doch völlig normal, dass sie etwas sensibler ist als sonst.“
    „Ja, aber …“
    Der Mann legte der Frau die Hände auf die Schultern. „Ich kann es verstehen, dass du dir Sorgen machst, doch sie ist ein kluges Kind, sie wird es schaffen! Und außerdem sind wir immer bei ihr!“
    Die Frau schaute zweifelnd. „Ich weiß. Es ist nur …“
    Sie hoben die Köpfe. Oben hörten sie ein Poltern, Kinderfüße flogen über ihnen hinweg.
    Die Frau schaute ihren Mann wieder an. „Weil sie unser einziges …Mädchen ist.“
     
    Das Mädchen stand auf den Stufen der Schule und hielt seine Zuckertüte umklammert. Neben und hinter ihr (sie war eine von den kleinsten) standen viele andere Kinder, sie hielten ebenfalls ihre Tüten in den Armen und ein aufgeregtes Schnattern erfüllte die Luft. Über ihnen zogen weiße Wattewolken dahin, sie hätte sie gern beobachtet, wie sie über den Himmel flogen und sich dabei verwandelten, doch sie musste die Frau anlächeln, die vor ihnen kniete, sie hielt den Arm nach oben und schnippte mit den Fingern. „Und jetzt ruft mal alle: Pause!“
    Sie drehte die Schlaufe ihrer Tüte in den Händen und starrte vor sich hin. Von hinten stupste sie jemand an. „Gibst du mir deine Lakritzschnecken?“
    Sie stieß mit der Schulter zurück.
    „Du isst sie doch sowieso nicht!“
    Das Mädchen drehte sich um.
    Der pausbäckige Junge grinste sie mit verschmiertem Mund an.
    „Wie kannst du nur so früh schon Süßigkeiten essen?“
    Der Junge zuckte grinsend mit den Schultern.
    Das Mädchen verdrehte die Augen und drehte sich wieder um.
    Sie zuckte zusammen. Vor ihr kniete die Frau mit ihrer riesigen Kamera. „Und wie heißt du?“
    Das Mädchen schaute kurz in den Himmel. Die letzte Wattewolke zog sich auseinander wie ein Kaugummi.
    Das Mädchen schaute wieder zu der Frau. „Shane.“
     
    Am Nachmittag suchte die Mutter in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie.  Sie drehte sich nach ihrem Mann um. „Hast du den Einkaufszettel?“
    Der Mann nickte ihr nur flüchtig zu.
    Timmy saß angezogen auf dem Stuhl und kaute am Band seiner Sweatjacke.
    „Wo ist Shane?“
    Der Mann zuckte mit den Schultern.
    „Hallo!“, rief ihm seine Frau zu.
    Der Mann drehte sich um. „Was ist denn?“
    „Ich rede mit dir! Zumindest versuche ich es.“
    „Ich weiß nicht, wo sie ist.“
    Die Mutter verdrehte die Augen. „Timmy, geh nach oben und hole deine Schwester!“
    Der kleine Bruder rutschte vom Stuhl.
    „Und nimm das Ding aus dem Mund, das ist ja eklig!“ Sie drehte sich wieder ihrem Mann zu. „Sie geht doch so gern mit zum Einkaufen.“
    „Hmm.“ Der Mann blickte auf und sah den genervten Blick seiner Frau. „Was!“
     
    Shane hing mit dem Kopf über ihrem Schreibtisch und malte den äußersten Kreis des Mandalas aus. Sie hörte die zuschlagende Autotür, stand auf und ging zum Fenster.
    Sie zog die

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