Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Scherben der Ehre

Scherben der Ehre

Titel: Scherben der Ehre
Autoren: Lois McMaster Bujold
Ads
 
Kapitel 1
     
    Nebelschwaden trieben durch den Wald in den Wolken, weich, grau, mit einem fahlen Schimmer. Droben auf den Bergkämmen lichtete sich der Nebel, die Morgensonne begann den Dunst zu erwärmen und aufzusaugen.
    Unten in der Schlucht jedoch herrschte noch eine kühle, lautlose Düsterkeit, Zwielicht vor der Morgendämmerung.
    Kommandantin Cordelia Naismith warf einen Blick auf den Botaniker ihres Teams und stellte die Tragriemen ihrer biologischen Sammelausrüstung ein bisschen bequemer ein, bevor sie ihre atemberaubende Kletterei fortsetzte. Sie strich eine lange Strähne nebelfeuchten kupferroten Haars aus ihren Augen und schob sie ungeduldig zu der Spange in ihrem Nacken. Das nächste zu erkundende Gebiet würde bestimmt nicht so hoch liegen. Die Schwerkraft auf diesem Planeten war etwas geringer als auf ihrer Heimatwelt, Kolonie Beta, aber dieser Unterschied glich die physiologische Belastung durch die dünne Bergluft nicht ganz aus.
    Dichtere Vegetation markierte die Obergrenze des Waldstücks. Sie folgten dem plätschernden Lauf des Bachs aus der Schlucht, bückten sich und krochen durch den lebenden Tunnel hindurch, dann drangen sie ins Freie vor.
    Eine morgendliche Brise wehte die letzten Nebelfetzen von dem goldenen Hochland, das sich endlos ausdehnte, Höhe um Höhe, bis zu den großen grauen Schultern einer Bergspitze, die mit glitzerndem Eis gekrönt war.
    Die Sonne dieser Welt schien in einem Himmel von tiefem Türkis auf eine überwältigende Fülle von goldenen Gräsern, winzigen Blumen und den Büscheln einer silbrigen Pflanze, mit denen die Wiesen übersät waren. Die beiden Forscher blickten hingerissen zu dem Berg hinauf, umgeben von Schweigen.
    Der Botaniker, Fähnrich Dubauer, lächelte über die Schulter Cordelia zu und fiel neben einem der silbrigen Büschel auf die Knie. Sie ging gemächlich zur nächsten Anhöhe, um einen Blick auf das Panorama der anderen Seite zu werfen. Der schüttere Wald wurde die sanften Abhänge hinunter dichter. Fünfhundert Meter unter ihnen dehnten sich Wolkenbänke wie ein weißes Meer bis zum Horizont. Fern im Westen brach gerade der kleinere Bruder dieses Berges durch die Wolkengipfel.
    Cordelia wünschte sich gerade, sie wäre unten auf der Ebene, um zu sehen, wie Wasser vom Himmel fiel (das war für sie als Bewohnerin von Kolonie Beta etwas Ungewöhnliches), da wurde sie aus ihrer Träumerei gerissen.
    »Was, zum Teufel, verbrennt Rosemont denn da, dass es einen solchen Gestank gibt?«, murmelte sie.
    Eine ölige schwarze Rauchsäule stieg hinter dem nächsten Bergausläufer empor und wurde von den Höhenwinden auseinandergerissen. Cordelia betrachtete sie aufmerksam. Sie kam zweifellos vom Ort ihres Basislagers.
    Ein fernes Winseln, das zu einem Heulen anstieg, durchdrang das Schweigen. Ihr Planetenshuttle schoss hinter dem Hügelkamm hervor, stieg über ihnen schnell in den Himmel empor und zog eine funkelnde Spur aus ionisierten Gasen hinter sich her.
    »Was für ein Start!«, rief Dubauer. Seine Aufmerksamkeit war jetzt zum Himmel gerichtet.
    Cordelia aktivierte den Kurzbereichskommunikator an ihrem Handgelenk und sprach hinein: »Naismith an Basis Eins. Bitte kommen.«
    Ein schwaches, nichtssagendes Zischen war die einzige Antwort. Sie rief wieder und wieder, mit dem gleichen Ergebnis. Fähnrich Dubauer war besorgt neben sie getreten.
    »Versuch’s mal mit deinem«, sagte sie. Aber er hatte auch nicht mehr Glück als sie. »Pack dein Zeug zusammen, wir gehen zurück ins Lager«, befahl sie. »Im Eiltempo.«
    Sie trotteten auf den nächsten Hügelkamm zu, wobei ihnen die Anstrengung fast den Atem nahm, und tauchten wieder in den Wald ein. In dieser Höhe waren viele der hohen, dünnen, mit Moos überzogenen Bäume umgestürzt und ineinander verkeilt. Beim Aufstieg hatte dies romantisch wild gewirkt; beim Abstieg wurde daraus eine gefährliche Hindernisstrecke. Cordelias Gedanken kreisten um mehr als ein Dutzend möglicher Katastrophen, eine bizarrer als die andere. Auf diese Weise brütet das Unbekannte die Drachen auf den Rändern alter Landkarten aus, kam es ihr in den Sinn, und sie unterdrückte ihre Panik.
    Sie rutschten durch das letzte Waldstück hinab, bis sie eine ungehinderte Sicht auf die große Lichtung hatten, wo sich ihr Hauptbasislager befand.
    Cordelia blieb vor Schock der Mund offen stehen. Die Wirklichkeit übertraf alle Vorstellungen.
    Rauch stieg von fünf verschlackten und verklumpten Haufen auf, die vorher einen schmucken

Weitere Kostenlose Bücher

Starke Kinder
Starke Kinder von Anne Dyer , Regina Steil