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Mick Jagger: Rebell und Rockstar

Mick Jagger: Rebell und Rockstar

Titel: Mick Jagger: Rebell und Rockstar
Autoren: Marc Spitz
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PROLOG
    BRENDA
    Ein weithin vergessener Fernsehsketch, »Rock Against Yeast«, der am 17. Februar 1979 in der amerikanischen Comedyshow Saturday Night Live gezeigt wurde, bildet den Ausgangspunkt für dieses Buch. Er bringt das Mick-Jagger-Dilemma auf den Punkt: Wie können wir noch immer einen Mann verehren und begehren, den wir eigentlich gar nicht mehr mögen? Das Mick-Jagger-Dilemma wirft natürlich auch die Frage auf, ob wir ihn überhaupt jemals gemocht haben. Und sollte die Antwort darauf negativ ausfallen, stellt sich die Frage, wie es möglich ist, dass er in der Popkultur der letzten fünfzig Jahre permanent präsent sein konnte, ohne dass er so etwas wie ein Kumpel für uns wurde? Immerhin ist sein Co-Songwriter, sein Geschäftspartner und sein gelegentlicher Gegenspieler Keith Richards seit Ewigkeiten unser aller cooler großer Bruder.
    In besagtem Sketch mimt Gilda Radner Candy Slice, eine verhinderte Patti Smith mit wilder schwarzer Mähne, weißem Tanktop, spindeldürren Beinen in schwarzen Strumpfhosen, Turnschuhen, unrasierten Achselhöhlen und einem augenscheinlich auf Drogenkonsum zurückführbaren Mangel an innerer Ausgeglichenheit. Sie tritt im Rahmen eines Benefizkonzerts auf, an dem auch andere Superstars teilnehmen, darunter Bob Marley (dargestellt von Garrett Morris), Dolly Parton (Jane Curtin), Olivia Newton-John (Laraine Newman), eine unter dem Namen Elvii auftretende Elvis Tribute Band (John Belushi und Dan Ackroyd), die sowohl den fetten als auch den mageren Elvis präsentierte, und natürlich Rick Nelson höchstpersönlich (der die TV-Show moderierte). Bill Murray, der mit Jerry Aldini von »Polysutra Records« die Rolle eines schmierigen, Satin-Baseballjacke tragenden Musikindustriebosses spielt, scheucht die aus einer Bierpulle saufende und rülpsende Candy unter ihrem Sauerstoffzelt hervor. Sie soll bei dem Benefizkonzert, bei dem sie mit ihrer Candy Slice Group ihr Debüt gibt, wenigstens für die Dauer der Garagenrocknummer »Gimme Mick« durchhalten. Der Song ist ziemlich vertrackt, denn er handelt sowohl davon, wie sehr sich Candy von dem seinerzeit sechsunddreißigjährigen Mick Jagger angezogen fühlt, als auch davon, wie abstoßend sie ihn findet. »Mick Jagger, if you’re out there, this is for you«, nuschelt sie.
    »Gimme Mick! Gimme Mick! Baby’s hair, bulgin’ eyes, lips so thick! Are you woman? Are you man? I’m your biggest funked up fan. So rock and roll me till I’m sick«, singt Candy im Refrain. Die Band spielt kurz darauf die Bridge, während der Candy, nachdem sie gestanden hat, Mick Jagger verfallen zu sein, nun in einen Sprechgesang übergeht und in einem geradezu patti-smithesken Gedankenstrom räsoniert: »You, Mick Jagger actually continue to perform at a concert where someone get knifed and killed during the sixties.« Sie erinnert sich plötzlich wieder an die Tragödie von Altamont. Bei dem Konzert auf dem Altamont Speedway in der Nähe von San Francisco wurde der achtzehnjährige Fan Meredith Hunter von einem Hells Angel ermordet, während die Stones gerade »Under My Thumb« spielten. Hier wurde wohl das Ende der Love-and-Peace-Ära eingeläutet (mehr dazu später).
    »You, Mick Jagger, are English and go out with a model and get an incredible amount of publicity!« Jagger hatte unlängst das gertenschlanke texanische Model Jerry Hall seinem Kollegen, dem Roxy-Music-Sänger Bryan Ferry ausgespannt (auch hierzu später mehr). »You, Mick Jagger, don’t keep regular hours!« Es war die große Zeit der New Yorker Diskothek Studio 54, als tanzbarer New Wave und Discomusik gerade schwer angesagt waren. Mick kreuzte dort seinerzeit häufiger spätnachts auf, übernächtigt und umflort von einer etwas dekadenten Aura. Ein willkommenes Objekt für Paparazzi wie Ron Galella. Und schließlich wettert Candy: »You, Mick Jagger, have the greatest Rock’n’Roll band in the history of Rock’n’Roll and you don’t even play an instrument yourself!«
    Genau hier ist der Punkt, wo sich das Mick-Jagger-Dilemma verselbstständigt. Der Witz verfängt natürlich beim Studiopublikum, was sich in der Hauptsache Gildas Charisma, ihrer schauspielerischen Begabung und ihrer Überzeugungskraft verdankt, doch der Vorwurf an sich könnte nicht haltloser sein. Der Witz funktioniert, weil er zu einer Sichtweise auf Mick Jagger passt, die sich vor rund zweiunddreißig Jahren wie ein Tumor auszubreiten begann. Und es dauerte gerade einmal ein halbes Jahrzehnt, bis diese fast

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