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Frau im Schatten: Eine Familiengeschichte (German Edition)

Frau im Schatten: Eine Familiengeschichte (German Edition)

Titel: Frau im Schatten: Eine Familiengeschichte (German Edition)
Autoren: Dorinde van Oort
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Prolog
     
     
    Es ist der 8.   April 1941, morgens, Viertel vor zehn. Christiaan ist eben durch die Gartenpforte gegangen, die Allee hinunter, und Annetje blickt ihm vom Erker aus nach.
    Lepel ist aus dem Kutschhaus gekommen, als die Stimmen verstummt waren. Sie begegnen sich in der Diele. Er legt die Arme um sie. Sie schmiegt für einen Moment ihr Gesicht an seine magere Brust. Sie reden, gedämpft, und sie nickt.
    Sie fasst sich ein Herz. Lepel stößt die Glastür zur Vorhalle auf, in der es nach Silberputzmittel riecht, und hilft ihr in ihren Mantel. Dann schließt er die Haustür auf.
    Annetje geht, noch etwas humpelnd, zur Gartenlaube, um sich ihr Fahrrad zu holen. Lepel beobachtet vom Erker aus, wie sie schwankend aufsteigt und, überflüssigerweise, die Hand ausstreckt, bevor sie links abbiegt, in die Vosseveldlaan. Er starrt kurz hinaus, wendet sich dann um, geht aber nicht ins Kutschhaus zurück. Er setzt sich in die Diele, neben das Telefon, den Kopf in die Hände gestützt. Er wartet. Eine halbe Stunde. Länger. Eine Ewigkeit.
    Währenddessen radelt Annetje die Vosseveldlaan entlang und biegt links ab, die Birktstraat hinunter.
    Da geht er, Christiaan Mansborg, der berühmte Sänger im Ruhestand, ihr Ehemann. Sein Schritt ist federnd, seine hohe Stirn erhoben, der massige Leib etwas vorgebeugt im Schwung der Bewegung. Wie kommt es, dass er auf einmaletwas Lächerliches an sich hat, jetzt, da sie ihn von hinten beobachtet?
    Langsam radelnd hält sie sich hinter ihm, in sicherem Abstand. Er darf sich jetzt bloß nicht umsehen! Für den Fall, dass das doch passiert, hat sie sich schon eine Geschichte zurechtgelegt. Sie sei beunruhigt gewesen wegen seines Blutdrucks, das habe ihr gar nicht gefallen, er habe so blass gewirkt und so weiter.
    Er sieht sich nicht um. Sein Gang ist flott, fast geschmeidig.
    Sie hat ein paar von den Pillen in seinen Kaffee getan, dann noch die extra Tablette, bevor er ging. Sie werden seine Muskeln schwächen, seinen Gleichgewichtssinn durcheinanderbringen. Innerhalb einer Viertelstunde, schätzt sie.
    Aber er ist schon eine Viertelstunde unterwegs, und da läuft er immer noch.
    Zwanzig Minuten. Er geht jetzt schon die Kerkstraat hinunter, nähert sich der Oude Kerk – und bleibt stehen. Wankt er?
    Sie nimmt das Tempo noch weiter zurück, steigt ab, ihre Augen tränen vom angespannten Beobachten.
    Er liest in aller Seelenruhe eine Bekanntmachung, die an der Kirchentür klebt.
    Sie wartet, bis er seinen Weg fortsetzt. Jetzt geht es nach Soestdijk immerzu geradeaus. Da wird es gefährlich. Hoffentlich kann sie unbemerkt hinter ihm bleiben. Sie könnte den Kerkpad nehmen. Aber wenn sie es dann nicht mitkriegt, wenn er   …?
    Den Kerkpad, beschließt sie. Dann kann sie versuchen, ihn zu überholen; ihn an der Ecke vorbeigehen lassen, dann weiter zur nächsten Kreuzung. Dort wieder warten. So kann sie ihn unbemerkt aus einiger Entfernung beobachten.
    An der nächsten Ecke steigt sie ab. Sieht ihn kommen. Er geht über die Kreuzung, langsamer jetzt. Mühsam.
    Sie steigt wieder auf, tritt in die Pedale, bleibt ihm voraus, bis zur nächsten Ecke.
    Es ist die Ecke vom Kruisweg. Sie sieht ihn schon kommen, immer noch aufrecht, jetzt mit finsterer Miene, aber langsamer, viel langsamer jetzt.
    Er nähert sich dem Rathaus. Da sind schon die Eisenbahngleise, wo die Van Weedestraat anfängt.
    Und wenn er es schafft? Sie muss ihn unbedingt stoppen! Sie muss einen Vorsprung bekommen. Sie muss vor ihm herfahren, Zeit gewinnen, versuchen, die Hände frei zu bekommen, ihr Rad irgendwo abstellen. Sie fährt die Steenhoffstraat hinunter, ohne sich umzublicken. Sie wagt es, radelt vor ihm her. Von hinten wird er sie schon nicht erkennen.
    Sie hat die Gleise überquert. Beim erstbesten Haus steigt sie ab, einer Villa mit zwei Gartentoren.

Erster Teil

Frau im Schatten
     
     
     
    It is very singular, how the fact of a man’s death often seems to give people a truer idea of his character, whether for good or evil, that they have ever possessed while he was living among them. Death is so genuine a fact that it excludes falsehood, or betrays its emptiness; it is a touchstone that proves the gold, and dishonours the baser metal.
     
    Nathaniel Hawthorne,
    The House of the Seven Gables,
    Everyman, S.   300

Annetjes Beerdigung und danach
     
    Im Frühjahr 1988 starb meine Oma Annetje, im Alter von fast hundert Jahren. Der Sarg stand auf dem Podium, wir warteten auf ein Abschiedswort.
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