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Felidae 2 - Francis: Ein Felidae-Roman

Felidae 2 - Francis: Ein Felidae-Roman

Titel: Felidae 2 - Francis: Ein Felidae-Roman
Autoren: Akif Pirinçci
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Erstes Kapitel
     
     
    Sie nennen es Evolution ... Auf diesem Planeten, sagen sie, arbeitet eine unsichtbare Mechanik, die den Stärkeren befähigt, immer stärker zu werden, und den Schwächeren dazu zwingt, sich dem Stärkeren bedingungslos zu unterwerfen. Das ist ein Naturgesetz, sagen sie, und jeder Widerstand dagegen töricht. Der Starke wird überleben, der Schwache früher oder später vom Erdboden getilgt - das nennen sie Evolution.
    Doch wer sind all diese Schwachen und zum Untergang Verurteilten? Wie lauten ihre Namen? Welchem Geschlecht gehören sie an? Sind sie nicht ebenso ein Teil dieser Erde wie die Auserwählten? Oder sind sie nur namenlos, gattungslos und am Ende bedeutungslos, Zwischenwesen auf dem Weg zu der endgültig seligmachenden Perfektion? Ist das die traurige Wahrheit, die sich hinter dem Begriff Natur verbirgt? Ist das das ewige Gesetz?
    Sie nennen es Evolution ... Ich nenne es ein Verbrechen!
    Von eben diesem immerwährenden Verbrechen sollte ich in den folgenden Wochen ausführlich erfahren. Doch zuvor lag ich noch nichts ahnend im Frühling dieses Jahres auf dem gelben Gobelinsofa im Wohnzimmer. Die Fassade des renovierten Altbaus war während der letzten Jahre mit einem größenwahnsinnigen Efeudickicht zugewachsen, das sich anschickte, allmählich auch die Fenster zu okkupieren. Wie gleißende Speere drangen zwischen den Blättern deshalb nur vereinzelte Sonnenstrahlen in den Raum, von denen einer in diesem seligen Augenblick der Harmonie wie ein Spotlight meinen Schädel traf. Ich lag majestätisch ausgestreckt auf dem Sofa, halb dösend, halb über den wundersamen Weltenlauf philosophierend, und mir war zum Überschnappen behaglich zumute. Wahrhaftig, ich habe es gut getroffen im Leben, dachte ich in meiner grandiosen Einfalt. Hier liege ich nun, in Wärme und Geborgenheit, und harre der aufregenden Abenteuer des nahenden Sommers, die sich allesamt in den verschlungenen Gärten an der Rückfront des Hauses abspielen werden.
    Diese grüne Oase hatte ihre Gartenzwerggemütlichkeit längst zugunsten eines Design-Babylons aus japanischen Zierbrücken über Kunstbiotopen und eigenhändig gepflasterten Natursteinwegen abgetreten. Kurzum, die einstigen Studentengreise und Frührentner waren aus der Idylle restlos vertrieben worden, und an ihre Stelle waren müllsortierende und gegen alles und jeden Unterschriften sammelnde Individuen mit bizarr anmutenden Doppelnamen getreten. Obgleich sie während ihrer Gartenarbeiten wie halbverhungerte Asiaten zerfranste Strohhüte trugen, war keineswegs darauf zu schließen, daß sie am Hungertuch nagten. Das Gegenteil war der Fall. Ihre feiste Saturiertheit hatte lediglich ausgefallenere Blüten getrieben, und sie waren massenhaft in diese altmodischen Refugien einmarschiert und in ihrer Begleitung natürlich wir , deren Abbilder heutzutage in den Entwürfen von Innenarchitekten als I-Tüpfelchen der Wohnherrlichkeit bereits obligatorisch auftauchen. Ich hätte es also in der Tat nicht günstiger treffen können, auch wenn mein Lebensgefährte Modetrends mit derselben Intensität wahrnimmt wie ein Pavian die Schwankungen des Dow-Jones-Index.
    Von diesem sogenannten Lebensgefährten - Gustav Löbel heißt er - ist zunächst eigentlich nur das eine Gute zu sagen, nämlich, daß er nicht das gleiche Futter wie ich verzehrt und daß ich infolgedessen von irgendwelchen entwürdigenden Verteilungskämpfen am Napf verschont bleibe. Der Mann ist eine exzentrische Mischung aus dem Elefanten Benjamin Blümchen und Doctor Doolittle. (Letzteres bezieht sich auf sein Beharren darauf, daß es sich bei seinen wirren Selbstgesprächen um »Unterhaltungen« mit meiner Wenigkeit handle). Allein das Betrachten dieses Heißluftballons auf zwei Beinen bei ganz gewöhnlichen Hausverrichtungen kann zu Heiterkeitsausbrüchen führen. Die schlagen jedoch schnell in Ärger um, da man so viel Blödheit bei einem neunundvierzigjährigen Kerl von zweihundertachtzig Pfund Gewicht kaum vermuten würde. Oder haben Sie schon mal jemanden getroffen, der sich beim Zubereiten von Spaghetti das Nasenbein gebrochen und beide Handteller verbrannt hat? Einer ausführlichen Schilderung bedarf der Zwischenfall nicht. Man möge sich lediglich eine x-beliebige Szene aus einem Slapstickstreifen in Erinnerung rufen: Tückische Alltagssituationen werden zu einer choreographischen Inszenierung des Chaos, das bei schlichten Gemütern wie Gustav leicht zu Fällen für die Sendung »Notruf« ausarten

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