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Englische Liebschaften (Nancy Mitford - Meisterwerke neu aufgelegt) (German Edition)

Englische Liebschaften (Nancy Mitford - Meisterwerke neu aufgelegt) (German Edition)

Titel: Englische Liebschaften (Nancy Mitford - Meisterwerke neu aufgelegt) (German Edition)
Autoren: Nancy Mitford
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    Es gibt eine Fotografie von Tante Sadie und ihren sechs Kindern, wie sie alle zusammen um den Teetisch in Alconleigh sitzen. Der Tisch steht da, wo er immer gestanden hat, wo er heute steht und immer stehen wird, in der Halle, vor einem gewaltigen Kamin, in dem ein Feuer prasselt. Über dem Kaminsims hängt, auf der Fotografie deutlich sichtbar, ein Schanzspaten, mit dem Onkel Matthew 1915 acht Deutsche totgeschlagen hat, einen nach dem anderen, so wie sie aus irgendeinem Unterstand hervorgekrochen waren. Noch immer kleben Blut und Haare an diesem Werkzeug, das wir Kinder stets nur mit fasziniertem Schauder betrachteten. Auf der Fotografie wirkt Tante Sadies Gesicht, das immer sehr schön war, merkwürdig rund, ihr Haar merkwürdig flaumig und ihre Kleidung merkwürdig nachlässig, aber sie ist es, ganz unverkennbar, und auf ihrem Schoß hat sich in einem Meer von Spitzen der kleine Robin breitgemacht. Sie scheint nicht recht zu wissen, wie sie seinen Kopf halten soll, und dass Nanny in der Nähe ist, um ihr den Kleinen gleich wieder abzunehmen, spürt man, obwohl man sie nicht sieht. Die anderen Kinder, von der elfjährigen Louisa bis hinunter zu dem zweijährigen Matt, sitzen im Sonntagsstaat oder mit umgebundenem Lätzchen am Tisch. Je nach Alter halten sie Tassen oder Becher in den Händen, starren mit großen, vom Blitzlicht geweiteten Augen in den Fotoapparat und sehen allesamt so aus, als könnten sie nicht bis drei zählen. Da sind sie, wie kleine Fliegen eingeschlossen in den Bernstein dieses Augenblicks – klick macht die Kamera, und weiter geht das Leben; die Minuten, die Tage, die Jahre, die Jahrzehnte, die sie vom Glück und von den Verheißungen der Jugend fortreißen, von den Hoffnungen, die Tante Sadie für sie gehegt haben muss, und von den Träumen, die sie selbst träumten. Oft denke ich, es gibt nichts Traurigeres als alte Familienfotos.
    Als Kind brachte ich meine Weihnachtsferien regelmäßig in Alconleigh zu, sie waren ein fester Bestandteil meines Lebens, und während manche ohne irgendwelche besonderen Vorfälle einfach vorübergingen, zeichneten sich andere durch dramatische Verwicklungen aus und hatten ihren ganz eigenen Charakter. Einmal zum Beispiel brach im Dienstbotenflügel Feuer aus, ein andermal fiel ich von meinem Pony in den Bach, das Pony stürzte auf mich, und fast wäre ich ertrunken (aber nur fast, denn es wurde gleich weggezerrt, doch wollen einige vorher immerhin schon Luftblasen beobachtet haben). Dann das Drama, als die zehnjährige Linda einen Selbstmordversuch unternahm, um ihren alten, muffigen Border Terrier wiederzusehen, den Onkel Matthew hatte einschläfern lassen. Sie sammelte einen Korb Eibensamen und aß sie, aber Nanny entdeckte sie und flößte ihr Senf und Wasser ein, bis sie sich erbrach. Nachher sprach Tante Sadie »ein ernstes Wort« mit ihr, Onkel Matthew gab ihr eins hinter die Ohren, sie musste ein paar Tage das Bett hüten und bekam dann einen jungen Labrador geschenkt, der bald den Platz des alten Border in ihrem Herzen einnahm. Noch viel schlimmer war das Drama, als Linda mit zwölf Jahren den Nachbarstöchtern, die zum Tee herübergekommen waren, die Tatsachen des Lebens auseinandersetzte, so wie sie sie verstand. Lindas Darstellung dieser »Tatsachen« fiel derart grausig aus, dass die Kinder mit nachhaltig zerrütteten Nerven und erheblich eingeschränkten Aussichten auf ein gesundes und glückliches Geschlechtsleben Alconleigh unter schrecklichem Geheul verließen. Der Vorfall zog eine Reihe furchtbarer Bestrafungen nach sich, zunächst eine wirkliche Tracht Prügel, verabreicht von Onkel Matthew, und dann musste Linda eine Woche lang allein oben essen. Schließlich die unvergesslichen Ferien, als Onkel Matthew und Tante Sadie nach Kanada reisten. Jeden Morgen machten sich die Radlett-Kinder über die Zeitungen her, in der Hoffnung, dort die Nachricht zu finden, das Schiff ihrer Eltern sei mit Mann und Maus untergegangen; sie sehnten sich danach, Vollwaisen zu werden – vor allem Linda, die sich schon vorkam wie Katy in What Katy Did und die Zügel des Haushalts fest in ihre kleinen, aber tüchtigen Hände nehmen wollte. Das Schiff stieß nicht mit einem Eisberg zusammen und trotzte auch allen atlantischen Stürmen, aber wir verlebten unterdessen wunderbare Ferien, in denen wir tun und lassen konnten, was wir wollten.
    Doch am deutlichsten ist mir das Weihnachten in Erinnerung geblieben, als ich vierzehn war und Tante Emily sich verlobte.

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