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Edelherb: Roman (German Edition)

Edelherb: Roman (German Edition)

Titel: Edelherb: Roman (German Edition)
Autoren: Gabrielle Zevin
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gesprochen. Der Ausdruck schien mir absurd.
    Ich kämpfte mich durch die Menge und blieb kurz bei Dr. Lau stehen, um mit ihr zu sprechen. Dann erblickte ich Sylvio Freeman von »Kakao jetzt!« Er gab mir die Hand. »Ich kann Ihnen nicht genug danken, dass Sie mich eingeladen haben. Sie müssen unbedingt diesen Sommer bei uns sprechen. Ihre Idee ist visionär, Anya. Visionär!«
    Als ich am Tisch mit dem Buffet angelangte, sagte die Kellnerin, die ich für den Abend engagiert hatte, draußen stehe jemand, der mich sprechen wolle. Ich würde lügen, wenn ich behauptete, ich hoffte nicht, dass es Win war.
    Ich ging in den leeren Korridor und stieg die Treppe hinunter. Auf dem Absatz stand mein Cousin Fats. Er war verschwitzt und rotgesichtig. Unnötig zu erwähnen, dass er nicht eingeladen worden war. Eine Treppe tiefer wartete sein Leibwächter. Das war neu. Normalerweise war Fats immer allein unterwegs.
    »Fats«, sagte ich locker. Als ich nah genug war, gab er mir einen Kuss. Seine Lippen schmatzten fast brutal gegen meine Wangen. »Was führt dich her?«
    »Hab gehört, hier wird gefeiert«, sagte er. »Bin beleidigt, dass ich nicht eingeladen wurde, nachdem du und deine Freunde im Laufe der Jahre so oft in meinem Laden wart.«
    »Ich dachte, es würde dich nicht interessieren«, sagte ich lahm.
    Fats reckte den Kopf. »Soll hier dieser – wie nennst du das noch mal? – Gesundheitskakaoladen sein?«
    »Ich bin damit zu dir gekommen. Du hast von der Idee nichts gehalten.«
    »Kann sein. Hab wohl nicht gedacht, dass du loslaufen und es trotzdem machen würdest«, sagte er. Er zog mich an sich und flüsterte mir ins Ohr. Sein Atem war feucht und heiß auf meiner Haut. »Bist du dir sicher, Annie? Bist du dir sicher, dass du dir das alles aufhalsen willst? Es ist noch früh genug, es dir anders zu überlegen. Du musst auch an deinen Bruder denken. Und an deine kleine Schwester. Und ich weiß, dass du schon jetzt viele Feinde hast. Yuji Ono. Sophia Bitter, Mickey Balanchine. Möchtest du wirklich, dass ich auch dazugehöre?«
    Ich schob ihn von mir. Er bluffte, davon war ich überzeugt. Und selbst wenn nicht, dauerte es noch Monate, bis der Club offiziell eröffnen würde, womit mir noch viel Zeit blieb, um eine Art Frieden zwischen uns auszuhandeln, falls sich das als notwendig erweisen sollte. Vielleicht war das dumm von mir, doch ich war mir sicher, dass ich Fats von meiner Denkweise überzeugen konnte. Er hatte meinen Vater geliebt, und ich wusste, dass ich tat, was mein Vater gewollt hätte. Ich hatte nur nicht vor, an diesem Abend bei Fats dafür zu plädieren. »Es ist beschlossene Sache«, sagte ich. »Eine gute Nacht! Ich muss mich jetzt wirklich wieder um meine Gäste kümmern.«
    Ich lief die Treppe hinauf, ohne mich umzusehen.
    Zu guter Letzt schaffte auch ich es zu den Samowaren. Ich drehte am Hahn, um mein Glas zu füllen, da gesellte sich Charles Delacroix zu mir. »Hast du gut gemacht«, sagte er. »Ist ein toller Abend. Dies ist der große Neuanfang.«
    »Haben Sie ja gesagt. ›Stadt der Schokolade‹, was?«
    »Ich fand, es klingt schön plakativ. Das mögen die Menschen, Anya. Daran erinnern sie sich.«
    Ich probierte das Getränk. Ich hatte Theos Anweisungen wortwörtlich befolgt, aber der Geschmack war kräftig und leicht bitter. Auch wenn es keinem der Gäste aufzufallen schien, war irgendeine der Zutaten schlecht geworden. Vielleicht hatte Theo auch recht, als er sagte, es gebe keinen richtigen Ersatz für Schokolade. Dennoch war die Hälfte der Samoware bereits leer, vielleicht war ich also nur eine überempfindliche Gastgeberin. Vorsichtig probierte ich einen zweiten Schluck. Als ich aufsah, erblickte ich Win, der auf der anderen Seite des Raumes neben Scarlet und Gable stand. Ich hatte ihn nicht eintreffen sehen. Trotz allem war er hergekommen. In dem Moment konnte sich mein Herz, mein bescheidenes, vergessliches Herz, an nichts erinnern, was wichtiger gewesen wäre als diese Augen, diese Hände, dieser Mund.
Vergib mir,
wollte ich zu ihm sagen,
ich wusste, dass ich dich verletzen würde, und tat es trotzdem. Ich weiß nicht, warum ich so bin. Ich weiß nicht, warum ich diese Dinge tue. Bitte, Win, gib mich nicht auf! Liebe mich nur ein bisschen, trotz meiner Fehler.
»Danke«, war alles, was ich flüsternd hervorbrachte. Er konnte es nicht gehört haben, aber ich war sicher, dass er meine Lippenbewegung sah. Er kam nicht durch den Raum zu mir. Er antwortete nicht, lächelte nicht einmal.

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