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Die Nächste, bitte • Ein Arzt-Roman

Die Nächste, bitte • Ein Arzt-Roman

Titel: Die Nächste, bitte • Ein Arzt-Roman
Autoren: Mia Morgowski
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1. Paul
    Mittwochvormittag
    «Falls Sie mein Schulterblatt suchen – das ist auf der anderen Seite.»
    «Ich weiß.»
    «Und warum grapschen Sie dann an meinem Busen herum, Dr. Rosen?»
    «Ich grapsche nicht an Ihrem Busen herum, sondern untersuche Ihren Pectoralis.»
    Genervt lasse ich die Hände sinken und strafe meine Patientin, Konstanze Schlichting, mit strengem Hausarztblick. «Sie haben doch über diffuse Rückenschmerzen geklagt, oder etwa nicht?»
    Frau Schlichting nickt aufmüpfig.
    «Na also. Die Ursache für diese Schmerzen muss aber nicht zwangsläufig in Ihrer Schulter zu finden sein. So etwas kann auch mal ausstrahlen. Vom Pectoralis zum Beispiel. Und den untersuche ich gerade, nicht Ihren Busen.»
    Himmel, was mache ich hier eigentlich? Warum lasse ich jetzt schon seit beinahe einem halben Jahr tagtäglich diesen Schwachsinn über mich ergehen? Ich meine, ich habe doch nicht sechs Jahre Medizin studiert, mich anschließend durchs praktische Jahr gequält und nebenher noch diverse Fortbildungen besucht, um mich nun mit solchen Verrückten herumzuschlagen. Warum kommen die überhaupt in meine Sprechstunde, wenn sie ohnehin alles besser wissen? Und wie, zur Hölle, konnte ich nur annehmen, mein Vater finanziere mir mein Studium, ohne dabei einen Hintergedanken zu hegen? Schöner Mist. Einen Idioten hat er gesucht. Einen, der in seiner Praxis die Patienten betreut, auf die er keine Lust hat. Weil sie einem nämlich den letzten Nerv rauben.
    Dabei war das überhaupt nicht so geplant. Also, von mir jedenfalls nicht. Weder wollte ich in der Hausarztpraxis meines Vaters arbeiten, noch hatte ich vor, hier in Hamburg zu versauern. Mir war nämlich bereits im ersten Studiensemester klar, wo ich hingehöre: New York. Oder Toronto. Meinetwegen auch Lausanne oder Monaco. Nur, um mal ein paar Beispiele zu nennen. Das sind doch Metropolen mit echten Perspektiven. Dort bekommt man nämlich für seine Fähigkeiten noch etwas geboten. Anerkennung beispielsweise und – noch viel wichtiger: Geld. Denn wenn man sich, wie ich, auf Anti-Aging spezialisiert hat, kann man davon einiges verdienen.
    Ein jugendliches Äußeres lassen sich die Leute heutzutage etwas kosten. Das, was die Rolex in den Achtzigern und der Porsche Boxster Ende der Neunziger war, ist heute das faltenfreie Gesicht. Statussymbol Nummer eins. Denn auch wenn Lifting für mich persönlich noch kein Thema ist – schließlich haben meine besten Jahre gerade erst begonnen –, kann ich den Wunsch danach durchaus nachvollziehen. Und solange sich die Bedürfnisse meiner Patienten in einem vertretbaren Rahmen bewegen, erfülle ich sie ihnen. Warum auch nicht? Sonst suchen sich die Leute einen anderen Arzt, der dann sein Konto füllt. Besser also, ich lege selbst Hand an. So bekomme ich das Geld und der Patient höchste Qualität. Für beide Beteiligten also ein gutes Geschäft.
    Und mal ganz ehrlich: Nach gefühlten tausend Fortbildungen habe ich mir ein bisschen Entschädigung in Form von Ruhm und Reichtum auch wirklich verdient. Vom Institut für Liquid-Lifting über die Anti-Aging-Academy bis hin zur Molekularkosmetischen Klinik habe ich nämlich jede nur erdenkliche Möglichkeit genutzt, meine Kenntnisse zu vertiefen. Im Anschluss an die Ausbildung folgten dann noch zahlreiche Studien für Pharmafirmen. Ich habe einige tausend Falten unterspritzt und nebenbei im Bereich Ernährung, Körpertraining und Hormonersatz so gut wie jedes Zertifikat erworben, das sich die Branche hat einfallen lassen. Kurz: Ich bin nicht nur einer der Besten auf dem Gebiet der nichtoperativen Faltenbehandlung, ich kann dem Alterungsprozess auch ganzheitlich entgegenwirken.
    Nur ist dieser ganzheitliche Ansatz inzwischen kaum mehr gefragt. Wer sich heute optisch verjüngen will, hat meist keine Zeit. Er möchte sofort sichtbare Ergebnisse, nicht erst nach jahrelangem Gemüseverzehr. Außerdem darf man sich da nichts vormachen: Gesunde Ernährung mag in vielerlei Hinsicht sinnvoll sein, aber wer genetisch auf Tränensäcke, Schlupflider und Nasolabialfalten programmiert ist, dem hilft das Grünzeug auch nicht viel.
    Leider hat mein Vater für diese Art der Medizin keinerlei Verständnis. Schlimmer noch: Mein Vorhaben, mich auf ästhetische Schönheitsmedizin zu spezialisieren, hält er für ausgemachten Schwachsinn. Für ihn ist alles, was mit Facelift zu tun hat, ein Albtraum und Anti-Aging nur etwas für Amerikaner. Und von denen gibt es hier, im
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