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dark canopy

Titel: dark canopy
Autoren: Jennifer Benkau
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letzter werden.
    Versagt. Das Wort donnerte mir mit jedem Pulsschlag durch den Leib. Versagt, versagt, versagt.
    Ich stieß mit dem Rücken an einen Baum. Mich herumzuwerfen und zu rennen, würde keinen Sinn ergeben. Sie waren unglaublich schnell. Doch ich konnte ihn immer noch treffen. Ich fasste das Messer wieder an der Klinge. Auf die Entfernung würde er ihm aus-weichen können, aber vielleicht wagte er sich nicht näher, wenn ich drohte zu werfen. Hoffentlich.
    Erneut hatte ich mich geirrt.
    Es kostete ihn nur zwei Schritte Anlauf, um mit einem Sprung mühelos über das Gebüsch zu setzen. Dabei hielt er seinen Blick und all seine Konzentration auf meine Waffe gerichtet, die Hände mit gespreizten Fingern auf Höhe seines Halses erhoben. Es war keine Geste, die mich beschwichtigen sollte. Meine Kehle stellte das Ziel seiner Hände dar.
    Ich riss das Messer so schnell hoch, dass es mir fast zwischen den Fingern hindurchgerutscht und nach hinten geflogen wäre. Im nächsten Moment zischte meine Waffe auf ihn zu. Es dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, und doch viel zu lange. Ich glaubte, die Reflexion der silbrigen Klinge in seinen Augen funkeln zu sehen. Dann hörte ich ein Klatschen, einen Augenblick Totenstille und schließlich keuchte er auf. Doch getroffen hatte ich ihn nicht. Er hielt mein Messer zwischen den Handflächen unmittelbar vor seiner Stirn und atmete schwer. Ein Blutstrom rann von seinem Handballen die angewinkelten Unterarme hinab.
    Im nächsten Moment stand er direkt vor mir.
    Meine eigenen Atemgeräusche versetzten mich in Panik. Vier oder fünf wie abgehackte H klingende Geräusche pressten die Luft aus meinen Lungen, ihnen folgte ein langes, pfeifendes »Hhhüü«, mit dem ich sie wieder einsog. Ich sah die Bewegungen seiner Kiefermuskeln, als er die Zähne zusammenbiss, sah seine Halsschlagader anschwellen. Er hielt mein Messer direkt vor meine Nase, seine Faust um die Klinge geschlossen. Mehr Blut tropfte. Pffscht, pffscht, pffscht.
    Ich drohte von meinem eigenen Herzen k. o. geschlagen zu werden und rief mir vor Augen, wie er mir gegenübergestanden hatte, als ich die Waffe noch auf ihn gerichtet hielt. Ich wollte ebenso furchtlos sein. Trotz erfüllte mich und ich hob den Kopf, lehnte ihn gegen den Baumstamm hinter mir und presste die Lider zusammen. Er sollte sehen, dass ein Mensch ebenso stark sein konnte wie ein gefühlskalter Percent.
    Sie mochten keine Angst kennen - dafür kannten wir Mut.
    »Mach es schnell«, sagte ich, so fest ich konnte.
    »Warum sollte ich?«
    Seine Stimme traf mich wie ein Schlag. Sie sprachen alle mit der gleichen Stimme. Aus irgendeinem Grund hatte ich angenommen, er wäre anders. Ein besonderer Percent sollte mich töten, nicht einer von Tausenden. Doch würde er mich überhaupt töten? Manchmal holten sie sich junge, schöne Frauen aus den Städten - zum Vergnügen, zum Zeitvertreib. Manche hatten Glück und mussten ihnen nur als Dienerinnen zur Verfügung stehen. Andere -
    »Warum?«, wiederholte er schroff. »Sprich!«
    Der Gedanke, er könnte mich mitnehmen, ließ den kleinen Knoten aus Schauerlegenden in meinem Hals zu saurer Furcht anschwellen. Ich wollte lieber sterben, als ein Spielzeug dieser Mutanten zu werden, und ich verließ mich nicht darauf, dass meine mickrige Statur und die Narbe, die mir Unterlippe und Kinn teilte, mich schützen würden. Ganz sicher war ich nicht schön. Aber womöglich schön genug.
    »Ich hätte dich umlegen können und habe es nicht getan. Du bist mir etwas schuldig, Percent.« Ich spie ihm das Wort mit Spucke vor die Brust.
    Einen Sekundenbruchteil später fegte mich ein gewaltiger Schlag zu Boden. Es dauerte einen Moment, bis ich realisierte, dass er mich mit dem Faustrücken umgehauen hatte. Alles war voller Blutspritzer, sie stammten von seiner Hand sowie aus meinen Lippen. Schmerz brüllte in meinem Kiefer und ich konnte den Mund nicht schließen. Speichel lief mir mit Blut vermischt übers Kinn. Ich sah das wellenartige Zucken seiner Haut, die auf den Geruch reagierte.
    Der einbeinige Laurencio, der den Jüngeren von uns Lesen und Schreiben beibrachte, hatte einmal behauptet, die Percents würden Menschen bei lebendigem Leib fressen, wenn das Blut sie erst berauschte. »Damit es so richtig spritzt«, hatte er mit gesenkter Stimme erzählt, »lassen sie ihr Opfer möglichst lange am Leben, wenn sie es verspeisen.« Die anderen Erwachsenen sagten zwar oft, Laurencio wäre ein Spinner, aber an diesem Tag hatten

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