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Aufgedirndlt

Aufgedirndlt

Titel: Aufgedirndlt
Autoren: Jörg Steinleitner
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    Dass man auf seinem morgendlichen Seespaziergang von einer im Wasser treibenden Frauenleiche aus seinen Gedanken gerissen wird, ist ein seltener Zufall. Eine derartige Erfahrung wird nur wenigen Menschen zuteil, selbst wenn ihnen Gott ein langes Leben schenkt. Natürlich war die Wahrscheinlichkeit, dass der Seebewohner Veit Höllerer, geboren am Weltfrauentag – ja, ausgerechnet! – des Jahres 1932, eine Wasserleiche zu Gesicht bekommen würde, größer als jetzt zum Beispiel bei einem Bewohner der Sahara, aber dennoch reagierte Höllerer überrascht.
    Hätte er sich eine derartige Situation früher einmal ausgemalt, dann wäre das dabei entstandene Bild vermutlich grauenerregend, zumindest aber ekelhaft gewesen. Veit Höllerer hatte sich eine derartige Situation aber noch nie vorgestellt. Und so konnte er völlig unbefangen näher ans Ufer treten und schauen.
    Seegang herrschte an diesem Tag keiner, der Wind wehte nur schwach, und so schipperte die Leiche eher gemächlich vor sich hin. Ihr Abstand zum trockenen Kies betrug knapp zwei Meter. Zu weit weg, um sie von Hand aus dem Wasser zu ziehen. Höllerer blickte um sich, und Sekunden später entdeckte er einen halb verrotteten armdicken Birkenast, der ihm von der Länge her geeignet schien, die junge Frau, die mit dem Gesicht nach unten im Wasser lag, ans Ufer zu ziehen. Es ging ganz einfach. Als er sie mit seinem Werkzeug nahe genug herangeholt hatte, scheute Höllerer nicht davor zurück, die Tote mit bloßen Händen anzufassen und ans Ufer zu ziehen. Als Freizeitjäger war Höllerer den Umgang mit dem Tod gewohnt. Sah man zudem einmal davon ab, dass sich der Körper der Frau kalt anfühlte, war diese ganze Sache alles andere als unappetitlich für den pensionierten Schneider. Die junge Frau war nämlich – dies trotz ihres Totseins – ein äußerst wohlgestaltetes Exemplar. Und weil sie nichts anhatte außer einem Spitzenhemdchen, das ihr fast bis zum Hals hinaufgerutscht war, konnte Veit Höllerer in Ruhe die feuchten, sich leicht kräuselnden Schamhaare des jungen Dings betrachten. Nur kurz war Höllerer irritiert, weil aus dem betörenden Venusdreieck des Mädchens rechts und links zwei schwarze Hörner hervorwuchsen. Vermutlich Tätowierungen, dachte sich der Pensionist und betrachtete interessiert die beiden Bögen, die sich zusammen mit dem kurz rasierten Schamhaardreieck zu einer Art Teufelskopf ergänzten. Nach einem Augenblick des Zögerns und ohne jedes schlechte Gewissen glitt Höllerers erfahrener Jägerblick dann aber gleich weiter auf die großzügig, jedoch gewiss nicht zu voluminös proportionierten Brüste und bewunderte schließlich die brustlangen dunkelblonden Haare, das markante Kinn, die schönen Lippen und die klare Stirn. Dieses Mädchen, dachte Höllerer sich, ist zu schön, um tot zu sein. Die Polizei muss her.

EINS
    Einige Wochen früher
    Aufgrund eines gekippten Fensters hörte Anne Loop ihren bärtigen Vorgesetzten, Kurt Nonnenmacher, bereits lautstark schreien, als sie am Morgen die Dienststelle erreichte. Die junge Polizeihauptmeisterin parkte gerade ihr Mountainbike vor dem Gebäude, als der Chef der kleinen Polizeiinspektion in den Morgen brüllte: »Sacklzement, ich möcht’ bloß wissen, was sich diese g’scherten Islamisten noch alles einfallen lassen!« Dann war es für einen Augenblick still. Aber schon schimpfte Nonnenmacher weiter. Seine Verzweiflung klang ehrlich wie das Röhren eines liebeskranken Hirschs: »Warum ausgerechnet bei uns? Warum geht der Ölscheich nicht nach Timbuktu oder Burkina Faso? Gehört der Araber nicht eh in die Wüste? Mir Bayern bleiben doch auch daheim und fahren nicht sonst wohin in der Weltgeschichte.«
    Als Anne diese Worte tiefgründiger Verzweiflung hörte, wünschte sie sich zurück in ihren Garten und träumte davon, sich die Kleider vom Leib zu reißen und in den morgenfrischen Bergsee zu springen, beim Tauchen das Kitzeln ihrer langen Haare auf dem Rücken zu spüren, sich danach in den Strahlen der noch zaghaften Sonne zu trocknen und – was für eine Vorstellung! – den Nonnenmacher Nonnenmacher sein zu lassen. Ein schlecht gelaunter Oberbayer, das hatte Anne, die aus dem Rheinland stammte, gelernt, war unberechenbar wie eine Wildsau, die gerade Frischlinge geworfen hat. Von so einem hält man sich besser fern, denn seine Angriffslust erfreut sich nicht umsonst eines legendären Rufs.
    Als Anne Nonnenmachers Dienstzimmer betrat, war sie erleichtert, dort ihren jungen

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