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Die Auserwählten

Die Auserwählten

Titel: Die Auserwählten
Autoren: A. J. Kazinski
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Fortwährend sterben Menschen, und dies oft in Krankenhäusern. Deshalb war der Plan ebenso genial wie einfach, ja geradezu banal:
    Die Nahtoderlebnisse, von denen die Ärzte berichteten, sollten bereits in den chirurgischen Ambulanzen und Krankenzimmern verifiziert werden. Denn das, was die Menschen erzählten, die für klinisch tot erklärt worden waren, deren Atem stillgestanden hatte und deren Herzen nicht mehr geschlagen hatten, ergab ein Muster: Die Menschen berichteten, nach oben geschwebt zu sein bis an die Decken der Räume, in denen sie lagen, und sich selbst von oben betrachtet zu haben. Oft konnten sie Details beschreiben, die das Hirn unmöglich in seinem letzten Todesrausch erdichtet haben konnte: Zum Beispiel, dass ein Arzt eine Vase umgeworfen hatte, was gesprochen worden war oder wer ins Zimmer gekommen und wieder gegangen war – mit den exakten Uhrzeiten. Einige wussten sogar, was in den benachbarten Räumen geschehen war. Trotzdem hatten diese Äußerungen vor der Wissenschaft keinen Bestand, weshalb jetzt endlich Klarheit geschaffen werden sollte.
    Genutzt werden sollten Krankenzimmer, Intensivstationen und Ambulanzen – die Räumlichkeiten also, in denen die meisten Wiederbelebungsversuche stattfanden. Als Teil einer weltweiten Untersuchung installierte man oben unter der Decke kleine Regale, auf die man Bilder legte, Illustrationen, die mit der Frontseite nach oben zeigten und von unten unmöglich zu sehen waren. Nur wer an der Decke schwebte, konnte die Motive dieser Bilder erkennen.
    Die Ärzte hatten sich über den Plan amüsiert, sich aber nicht zur Wehr gesetzt. Ihre einzige Bedingung lautete, dass das Krankenhaus nicht für die Kosten der Regale aufkommen musste.
    Agnes Davidsen war Mitarbeiterin der dänischen Forschungsgruppe. An dem Tag, an dem die Regale im Rigshospital in Kopenhagen montiert wurden, war Agnes persönlich anwesend. Sie hielt sogar die Leiter, als der Monteur mit dem versiegelten Umschlag nach oben stieg, und löschte das Licht, als das Siegel gebrochen und die Zeichnung oben auf dem Regalbrett platziert wurde. Nur die Leitung der Forschungsgruppe wusste, was die Zeichnung darstellte. Niemand sonst. Im Hintergrund lief ein Fernseher. Es ging um die Vorbereitungen für die Klimakonferenz in Kopenhagen. Der französische Präsident, Nicolas Sarkozy, verkündete, Europa würde es nicht akzeptieren, wenn die Temperatur auf der Erde um mehr als zwei Grad steigen würde. Agnes schüttelte den Kopf und half, die Leiter zusammenzuklappen. So klingt das vollkommen verrückt, dachte sie. Nicht akzeptieren . Als könnten wir Menschen die Temperatur auf der Erde wie mit einem Thermostat rauf oder runter drehen.
    Sie bedankte sich beim Monteur und warf einen letzten Blick auf das Regalbrett unter der Decke. Jetzt brauchten sie nur noch darauf zu warten, dass das Krankenhaus anrief und ihnen mitteilte, dass in diesem Zimmer jemand gestorben und dann wieder zurückgekommen war.

1.
    1.
    Yonghegong-Tempel, Peking – China
    Es war nicht das Beben der Erde, das ihn weckte. Daran hatte er sich gewöhnt – die Metro fuhr direkt unter dem Yonghegong-Tempel hindurch und drohte unablässig damit, den dreihundertfünfzig Jahre alten Tempelkomplex inmitten der chinesischen Hauptstadt zum Einsturz zu bringen. Der Mönch war aufgewacht, weil sich jemand oder etwas im Schlaf über ihn gebeugt und ihn beobachtet hatte. Dessen war er sich sicher.
    Ling richtete sich im Bett auf und sah sich um. Die Sonne ging gerade unter, die Schmerzen hatten ihn früh ins Bett gezwungen.
    »Ist da jemand?« Das unerbittliche Pochen in seinem Inneren zirkulierte, so dass er nicht wusste, wo das Übel steckte. War es im Rücken, im Bauch oder in der Brust? Unten auf dem Tempelplatz hörte er die jungen Mönche reden, und die letzten, westlichen Touristen schienen gerade den Gebäudekomplex zu verlassen.
    Ling trotzte den Schmerzen und stand auf. Noch immer hatte er das Gefühl, dass sich jemand im Raum befand. Es war aber niemand zu sehen. Er konnte seine Sandalen nicht finden und wankte auf nackten Füßen über den steinernen Boden. Es war kalt. Vielleicht liegt es an der Durchblutung, dachte er, vielleicht ist eine Arterie verstopft. Er bekam kaum Luft. Seine Zunge war geschwollen, und er schwankte. Für einen Moment hätte er beinahe das Gleichgewicht verloren, aber er durfte nicht stürzen. Das wusste er nur zu gut. Ging er jetzt zu Boden, stand er nie wieder auf. Er holte tief Luft und ertrug das Brennen

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