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OstfriesenKiller

OstfriesenKiller

Titel: OstfriesenKiller
Autoren: Klaus-Peter Wolf
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Donnerstag, 28.April, 17.32 Uhr
    Ulf Speicher wusste nicht, dass er nur noch vier Stunden zu leben hatte.
    Es war erst Ende April, doch in der klaren Luft prickelte die Sonne angenehm auf seiner Haut. Die kleinen Wasserlachen im Watt glitzerten, als hätte das Meer bei seinem letzten Besuch einen Teppich aus Diamanten hinterlassen.
    Jetzt sah es aus, als ob noch Ebbe wäre, als könnte man vom Festland mühelos nach Juist oder Norderney laufen. Aber die Flut drückte das Wasser bereits zurück in die Priele. In einer knappen Stunde, wenn die Sonne hinter Juist untergegangen war, konnte das Watt zu einer tödlichen Falle für Touristen werden. Erst vor ein paar Wochen hatte sich das Meer einen Familienvater geholt, der ohne Wattführer von Norddeich nach Norderney gehen wollte, um in der »Oase« seine Frau und seine Kinder zu treffen.
    Ulf Speicher erzählte gern solche Geschichten. Zum Beispiel von der untergegangenen Stadt unter den Muschelbänken. »An manchen Sonntagen, wenn der Wind günstig steht«, behauptete er, »glaubt man, die versunkenen Kirchturmglocken läuten zu hören.«
    Oder von der Frau, die schon bis zum Hals im Schlick eingesackt war und nicht mehr wagte, sich zu bewegen. Sie musste angeblich mit einem Kran herausgezogen werden. Und von der Schulklasse, die mit ihrem Lehrer auf eine Wattwanderung ging und ohne ihn zurückkam.
    Er erzählte diese modernen Gruselgeschichten mit einem Augenzwinkern. Großstädter hörten so etwas gerne, wenn sie Urlaub am Meer machten.
    Ulf Speicher liebte es, den feuchten Meeresboden unter seinen Füßen zu spüren, wenn der Schlick zwischen seinen Zehen hervorquoll. Er fühlte sich dann gut und lebendig. Er war jetzt 55, hatte einen Kugelbauch und den Ansatz einer Glatze. Und noch nie in seinem Leben hatte er mehr und besseren Sex gehabt als in den letzten Jahren.
Er bereute es nicht, von Frankfurt hierher an die Nordsee gezogen zu sein. Seitdem er im hohen Norden wohnte, hatte sich sein Leben von Grund auf verändert. Er war jetzt der Leiter des Vereins Regenbogen, von dem behinderte Menschen und deren Angehörige betreut wurden.
    Die meisten Ehen zerbrachen, wenn ein behindertes Kind geboren wurde. Die Belastung für die Beziehung war zu groß. Speichers Verein Regenbogen entlastete die Angehörigen. Die Frauen konnten endlich einmal Urlaub machen, ausspannen und wussten ihre Kinder gut betreut. Manch eine hatte zum ersten Mal seit Jahren endlich wieder so etwas wie Freizeit und bändelte schon aus lauter Dankbarkeit mit ihm an. So wie das Leben jetzt lief, konnte Ulf Speicher nur zufrieden damit sein.
     
    Er drehte sich zu den beiden Frauen hinter ihm um. Durch die Meerluft und die Sonne waren ihre Wangen schon rot gefärbt. Sie kamen im Schlick nicht so schnell voran wie er.
    Die beiden sahen gar nicht aus wie Schwestern. Alexa Guhl hatte ein behindertes Kind und war eine eher stämmige Frau. Ihre Schwester Liane Rottland dagegen wirkte zart und zerbrechlich. Frustriert von Männern und gescheiterten Zweierbeziehungen, hatten sich die beiden zusammengetan und kümmerten sich rührend um den geistig behinderten Markus.
    Alexa, die einen traurigen Zug um die Mundwinkel hatte, gefiel Ulf Speicher am besten. Mit ihr konnte er sich so manches schöne Schäferstündchen vorstellen. Er musste nur noch die dünne Schwester irgendwie loswerden.
    Der Wind trug ihr Kreischen zu ihm herüber. Sie steckte im Schlick fest.
    Ulf Speicher dachte nur einen kurzen Augenblick an seine Freundin Jutta Breuer. Sie würde ihm nicht in die Quere kommen. Als er sie vor einigen Jahren kennengelernt hatte, hatte er auf seiner Unabhängigkeit bestanden, auf getrennten Wohnungen. Er stellte beim Regenbogen-Verein die Dienstpläne auf und wusste immer, wann sie sich wo befand. Sie hatte eine häusliche Pflege und würde bis mindestens 22 Uhr damit beschäftigt sein. Danach würde sie nicht mehr zu ihm kommen, sondern ihm höchstens noch Gute-Nacht-Grüße per SMS schicken.
     
    Alexa Guhl und Liane Rottland bemühten sich, gegen den ablandigen Wind vor der Flut zum Festland zurückzukommen. Panisch waren sie noch nicht, denn sie fühlten sich durch Ulf Speichers Anwesenheit sicher. Aber er drängte sie, sich zu beeilen.
    Ihre Stiefel blieben immer öfter im Schlick kleben. Der weiche Meeresboden machte schmatzende Geräusche, wenn die Frauen ihre Füße herauszogen. Es klang fast unanständig. Irgendwie gierig.
    Die beiden sahen sich an. Sie wagten nicht, es auszusprechen, doch sie

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