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Jasmin - Roman

Titel: Jasmin - Roman
Autoren: C. Bertelsmann
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mein Lieber?«
    »Ich muss in die Redaktion.«
    »O heilige Jungfrau Maria, hörst du die Detonationen nicht?« Sie starrte ihn erschrocken an.
    »Ich muss an den Fernschreiber kommen, um nachzuprüfen, was die Nachrichtenagenturen sagen, United Press, Reuters, die Schlagzeilen in der Presse sehen.«

    »Genügen denn nicht das Radio, das die ganze Zeit läuft, und die Telefongespräche? Schlechte Nachrichten verbreiten sich schnell«, sagte sie und hielt einen Moment inne auf der Suche nach einem Argument, mit dem sie ihn aufhalten könnte. Er war erst nach Mitternacht eingetroffen, als die Schießereien und Explosionen losgegangen waren. Sie hatte etliche Male in der Redaktion angerufen und ihn beschworen zurückzukommen, bis er nachgab, und als er auf dem Weg war, hatte sie jede Minute gezählt, das Tor geöffnet und im Eingang auf ihn gewartet, mit einem Ohr auf das Motorgeräusch des Dodge lauschend, der die schmale Gasse heraufgeklettert kam, und mit dem anderen auf ein eventuelles Läuten des Telefons, das einen Anruf von Jasmin ankündigen könnte. Die Schüsse und Bombardements machten ihr Angst. Ein derart starkes Feuergefecht hatte sie nicht einmal miterlebt, als sie 48 aus Talbieh flüchteten.
    »Geh nicht, bei deinem Leben, lass mich nicht allein«, flehte sie.
    »Ich brauche Luft zum Atmen«, erwiderte er entschieden und ging in den Garten hinaus. Die heftigen Feuersalven und der Brandgeruch waren wie ein Schlag auf seinen Kopf. Die Mauern des Hauses bebten. Die Fische in dem kleinen Teich versteckten sich unter dem Felsen am Rand. Er kehrte ins Haus zurück, betrachtete Jasmins Bild an der Wand, und sein Herz zog sich vor Sehnsucht zusammen. Wer konnte wissen, was sie jetzt machte und wie es ihr erging, wie gerne hätte er sie umarmt und in dieser schweren Stunde bei sich gehabt. Das Läuten des Telefons riss ihn aus seinen Gedanken.
    »Abu George, ich brauche dich dringend, es gibt eine delikate Angelegenheit, die den Gouverneur betrifft«, sagte Abu Nabil mit einem für ihn untypischen Zögern in der Stimme.
    »Ich komme«, erwiderte er und legte ohne weitere Fragen den Hörer auf.
    »Harb wa tharb, aber es ist Krieg und Verderben draußen«, protestierte Umm George.

    »Es ist Krieg, meine Seele, und Abu Nabil ist mit dem Gouverneur zerstritten. Er braucht mich. Was soll ich denn sagen - dass ich Angst habe? Eib, welche Schande!«
    »Iss wenigstens etwas.«
    »Wer hat jetzt Hunger?« Er küsste sie auf die Wange und wandte sich zur Tür. Im letzten Moment hängte er sich seinen Fotokoffer über die Schulter und packte auch das Fernglas hinein.
    »Ruf an, wenn du dort bist«, rief sie ihm hinterher.
    Er drehte sich um: »Verschließ das Tor und sieh nach, ob ich die Tür zum Dach abgesperrt habe. Mach niemandem auf«, fügte er hinzu und bereute es im selben Moment, denn vielleicht hatte er sie damit unnötig geängstigt.
    Als er den Dodge anließ und den Parkplatz verließ, schwoll ihm das Herz. Ein Glückspilz war er, dass er sie hatte.
     
    Abu George fuhr die Ragheb-Naschaschibi-Gasse hinunter, hörte überdeutlich Schusssalven, doch er konnte ihren Ursprung nicht ausmachen. Ihm schien, jeder beschoss alles, doch wo waren die Soldaten?
    Auf der schmalen Straße, die zur Scheich-Dscharrah-Kreuzung führte, hundert Meter von seinem Haus entfernt, sah er die ersten Zeichen der Zerstörung, die die Bombardements der Nacht bewirkt hatten. Ein Mann im traditionellen arabischen Gewand lag tot auf der Straße, mit gespreizten Beinen, eines davon halb abgerissen. Neben ihm leblos hingestreckt ein Soldat der Jordanischen Legion, nicht weit davon weitere Gefallene. Er versuchte seine Nase vor dem Blut- und Leichengeruch zu verschließen. Seine Brust schmerzte, er spürte wieder ein Brennen in seinem Hals und begann zu niesen. Er wich von seiner gewohnten Strecke ab und wandte sich dem Ambassador-Hotel zu. Eine Feuersalve prasselte vom Dach. Unser Feuer, sagte er sich hoffnungsvoll. Doch das luxuriöse Hotel schien verlassen, die Fensterscheiben waren zerborsten, und eine Leiche hing über eines der Fensterbretter. Merkwürdig, noch vor zwei Tagen hatte das
Hotel vor Gästen gewimmelt, warum war es verlassen worden? Und wann? Und weshalb hatte man ihm nichts erzählt, er war doch der Vorsitzende der Vereinigung der Touristik- und Gastgewerbeunternehmen?
    Heftige Explosionen klangen hinter ihm auf, gleich würden die Granaten auch auf seinen Kopf fallen. Abu George wendete das Auto gegen die Verkehrsrichtung

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