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Jasmin - Roman

Titel: Jasmin - Roman
Autoren: C. Bertelsmann
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war, der Einzige, der zum Flüchtling geworden war. Auch in jenem Krieg hatten die Führer verkündet, dass der Wendepunkt nahe sei, dass sie in ein bis zwei Wochen als Sieger in ihre Häuser zurückkehren würden, nachdem sie die Juden ins Meer geworfen hätten.
    »Herr Gouverneur, heute Morgen rief mich Senator Antoine an und erzählte, dass Dutzende israelische Soldaten neben seinem Haus Station machten. Ist Ihnen davon etwas bekannt?«, dämpfte Abu George die Freude.

    »Ich sagte bereits, dass es hier und dort minimale Durchbrüche gab«, erwiderte jener verdrossen. »Der Kommandant des Sektors berichtete mir heute Morgen, dass die Juden tatsächlich versucht haben, etwa um vier Uhr dreißig, genau bei Sonnenaufgang, den al-Mudawara-Hügel hinaufzukommen, und der blendenden Sonne ausgesetzt wurden. Als sie sich näherten, haben unsere Soldaten sie aufgespießt und im Feuer gegrillt. Der Kommandant lud mich ein, den Leichenhaufen zu besichtigen und meine Füße in ihrem Blut zu baden …«
    »Der gute Senator ist alt, krank und müde«, stellte Abu Nabil fest und fragte: »Wäre es möglich, etwas aus dem Schreiben des Königs in der Zeitung zu zitieren?«
    »Zu meinem Bedauern, nein. Man muss dazu die Erlaubnis Seiner Majestät einholen. Aber es ist ganz entschieden möglich, im Geiste seiner ermutigenden Worte zu schreiben.« Der Gouverneur erhob sich. »Und jetzt, meine Herren, bleibt uns nur noch, unseren geliebten und kühnen König zu segnen und, inschallah, unseren Sieg.«
    Abu George holte die Kamera heraus und bat den Gouverneur, sich für eine Aufnahme mit dem langen Stab in der Hand an die Wandkarte zu stellen.
     
    Als sie aus dem Büro auf die Straße traten, hakte sich Abu Nabil bei seinem Freund ein. »Der Krieg hat mir und dem Gouverneur die Versöhnung gebracht«, lachte er.
    »Mit Allahs Hilfe wird alles gut«, seufzte Abu George. Trotz seiner Zweifel war er etwas erleichtert. Vielleicht phantasierte der Senator einfach, und vielleicht war er selbst aufgrund seiner eigenen Geschichte von Hysterie befallen.
    Abu Nabil warf einen Blick auf das bunte Plakat des al-Hamra-Kinos und sah, dass sie den alten romantischen Film »Die weiße Rose« von Muhammad Abd al-Wahab spielten.
    »Ich bestelle für uns und euch für den kommenden Sonntag eine Loge, inschallah«, sagte er in feierlichem Ton.

    »Gebe es Gott«, erwiderte Abu George darauf.
    Auf dem Weg besprachen sie, wie die Sonderausgabe aussehen sollte und unter welcher Schlagzeile sie die Worte des Königs und die Berichte des Gouverneurs veröffentlichen würden. An der Redaktion blieb Abu George stehen:
    »Abu Nabil, Umm George ist sehr beunruhigt. Unser Freund, der Senator, ruft alle halbe Stunde an und ängstigt sie. Vielleicht sollte ich nach Hause zurückkehren, und du …«
    Abu Nabil ließ ihn den Satz nicht beenden, wedelte mit der Hand und sagte: »Ich übernehme die Verantwortung, die ganze Verantwortung.«
     
    Abu George ließ den Dodge an, doch statt sich nach rechts, zu seinem Haus in Scheich Dscharrah zu wenden, bog er aus irgendeinem Grund nach links ab. Er fuhr die Salah-ed-Din- bis zur Kreuzung Sultan-Suleiman-Straße hinunter, hielt das Auto an und machte den Motor aus. Aus Richtung des Rockefeller-Museums waren Schüsse zu hören, ebenso aus der anderen Richtung. Wer schießt?, fragte er sich, stieg aus, erreichte mit einigen Schritten das Bab al-Zahra, das Blumentor, und betrat die Altstadt.
    Auf den Gassen befanden sich wenige Menschen, vielleicht nur die, die nicht glaubten, dass ein Krieg ausgebrochen war. Drei Wochen hatte Nasser Israel ins Gesicht gespuckt, jeden Tag mehr, und Israel hatte sich den Speichel nicht einmal abgewischt. Im Gegenteil, es hatte sich in sein Schneckenhaus zurückgezogen, beschämt und furchtsam. Alle arabischen Staaten, Russland, Frankreich und die halbe Welt waren gegen Israel, und plötzlich sollte es sich erheben? Vielleicht hatte der Gouverneur recht, und die Juden wurden tatsächlich unter den Stiefeln der arabischen Soldaten zerstampft, und vielleicht wussten die Menschen hier instinktiv, dass ihnen nichts Schlimmes drohte, dass für sie und ihre Stadt keine Gefahr zu erwarten war.
    Jemand erkannte ihn und wollte die Neuigkeiten hören. Zwei neugierige Greise gesellten sich dazu.

    »Wenn ich es euch erzähle, wer wird dann noch die Sonderausgabe meiner Zeitung kaufen?«, scherzte er und sagte ihnen dann, was er beim Gouverneur gehört hatte. Sie brachen in Hochrufe auf das Leben Nassers

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