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Hauffs Maerchen - Gesamtausgabe

Hauffs Maerchen - Gesamtausgabe

Titel: Hauffs Maerchen - Gesamtausgabe
Autoren: Wilhelm Hauff
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Trotze wieder, meine Tochter; wer Gutes thun will, darf nicht rasten.”

“Ach Mutter! wenn sie mich dann ganz zurückweisen, oder wenn sie mich verleumden, daß mich die Menschen nicht ansehen, oder einsam und verachtet in der Ecke stehen lassen?”

“Wenn die Alten, von der Mode bethört, dich gering schätzen, so wende dich an die Kleinen, wahrlich sie sind meine Lieblinge, ihnen sende ich meine lieblichsten Bilder durch deine Brüder, die Träume, ja ich bin schon oft selbst zu ihnen hinabgeschwebt, habe sie geherzt und geküßt und schöne Spiele mit ihnen gespielt; sie kennen mich auch wohl, sie wissen zwar meinen Namen nicht, aber ich habe schon oft bemerkt, wie sie nachts zu meinen Sternen herauflächeln und morgens, wenn meine glänzenden Lämmer am Himmel ziehen, vor Freuden die Hände zusammenschlagen. Auch wenn sie größer werden, lieben sie mich noch, ich helfe dann den lieblichen Mädchen bunte Kränze flechten, und die wilden Knaben werden stiller, wenn ich auf hoher Felsenspitze mich zu ihnen setze, aus der Nebelwelt der fernen blauen Berge hohe Burgen und glänzende Paläste auftauchen lasse und aus den rötlichen Wolken des Abends kühne Reiterscharen und wunderliche Wallfahrtszüge bilde.”

“O die guten Kinder!” rief Märchen bewegt aus, “ja, es sei! mit ihnen will ich es noch einmal versuchen.”

“Ja, du gute Tochter”, sprach die Königin, “gehe zu ihnen; aber ich will dich auch ein wenig ordentlich ankleiden, daß du den Kleinen gefällst und die Großen dich nicht zurückstoßen; siehe, das Gewand eines Almanach will ich dir geben.”

“Eines Almanach, Mutter? ach! - ich schäme mich, so vor den Leuten zu prangen.”

Die Königin winkte, und die Dienerinnen brachten das zierliche Gewand eines Almanach. Es war von glänzenden Farben und schöne Figuren eingewoben.

Die Zofen flochten dem schönen Märchen das lange Haar; sie banden ihr goldene Sandalen unter die Füße und hingen ihr dann das Gewand um.

Das bescheidene Märchen wagte nicht aufzublicken, die Mutter aber betrachtete sie mit Wohlgefallen und schloß sie in ihre Arme: “Gehe hin”, sprach sie zu der Kleinen; “mein Segen sei mit dir. Und wenn sie dich verachten und höhnen, so kehre zurück zu mir, vielleicht, daß spätere Geschlechter, getreuer der Natur, ihr Herz dir wieder zuwenden.”

Also sprach die Königin Phantasie. Märchen aber stieg herab auf die Erde. Mit pochendem Herzen nahte sie dem Ort, wo die klugen Wächter hauseten; sie senkte das Köpfchen zur Erde, sie zog das schöne Gewand enger um sich her, und mit zagendem Schritt nahte sie dem Thor.

“Halt!” rief eine tiefe, rauhe Stimme; “Wache heraus! Da kommt ein neuer Almanach!”

Märchen zitterte, als sie dies hörte; viele ältliche Männer von finsterem Aussehen stürzten hervor; sie hatten spitzige Federn in der Faust und hielten sie dem Märchen entgegen. Einer aus der Schar schritt auf sie zu und packte sie mit rauher Hand am Kinn; “nur auch den Kopf aufgerichtet, Herr Almanach”, schrie er, “daß man Ihm in den Augen ansiehet, ob Er was Rechtes ist oder nicht.”

Errötend richtete Märchen das Köpfchen in die Höhe und schlug das dunkle Auge auf.

“Das Märchen!” riefen die Wächter und lachten aus vollem Hals, “das Märchen! Haben Wunder gemeint, was da käme! wie kommst du nur in diesen Rock?”

“Die Mutter hat ihn mir angezogen”, antwortete Märchen.

“So? sie will dich bei uns einschwärzen? Nichts da! hebe dich weg, mach?, daß du fortkommst”, riefen die Wächter untereinander und erhoben die scharfen Federn.

“Aber ich will ja nur zu den Kindern”, bat Märchen; “dies könnt ihr mir ja doch erlauben?”

“Lauft nicht schon genug solches Gesindel im Land umher?” rief einer der Wächter; “sie schwatzen nur unseren Kindern dummes Zeug vor.”

“Laßt uns sehen, was sie diesmal weiß”, sprach ein anderer.

“Nun ja”, riefen sie, “sag? an, was du weißt, aber beeile dich, denn wir haben nicht viele Zeit für dich.”

Märchen streckte die Hand aus und beschrieb mit dem Zeigfinger viele Zeichen in die Luft. Da sah man bunte Gestalten vorüberziehen; Karawanen mit schönen Rossen, geschmückte Reiter, viele Zelte im Sand der Wüste; Vögel und Schiffe auf stürmischen Meeren; stille Wälder und volkreiche Plätze und Straßen; Schlachten und friedliche Nomaden, sie alle schwebten in belebten Bildern, in buntem Gewimmel vorüber.

Märchen hatte in dem Eifer, mit welchem sie die Bilder

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