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Faust: Der Tragödie zweiter Teil

Faust: Der Tragödie zweiter Teil

Titel: Faust: Der Tragödie zweiter Teil
Autoren: Johann Wolfgang von Goethe
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Faust: Der Tragödie zweiter Teil
    von Johann Wolfgang von Goethe
1. Anmutige Gegend 2. Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer 3. Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta 4. Hochgebirg 5. Offene Gegend
    1. Akt—Anmutige Gegend
      MEPHISTOPHELES:
  Was ist verwünscht und stets willkommen?
  Was ist ersehnt und stets verjagt?
  Was immerfort in Schutz genommen?
  Was hart gescholten und verklagt?
  Wen darfst du nicht herbeiberufen?
  Wen höret jeder gern genannt?
  Was naht sich deines Thrones Stufen?
  Was hat sich selbst hinweggebannt?
      KAISER:
  Für diesmal spare deine Worte!
  Hier sind die Rätsel nicht am Orte,
  Das ist die Sache dieser Herrn.—
  Da löse du! das hört' ich gern.
  Mein alter Narr ging, fürcht' ich, weit ins Weite;
  Nimm seinen Platz und komm an meine Seite.
      GEMURMEL DER MENGE:
  Ein neuer Narr—Zu neuer Pein—
  Wo kommt er her?—Wie kam er ein?—
  Der alte fiel—Der hat vertan—
  Es war ein Faß—Nun ist's ein Span—
      KAISER:
  Und also, ihr Getreuen, Lieben,
  Willkommen aus der Näh' und Ferne!
  Ihr sammelt euch mit günstigem Sterne,
  Da droben ist uns Glück und Heil geschrieben.
  Doch sagt, warum in diesen Tagen,
  Wo wir der Sorgen uns entschlagen,
  Schönbärte mummenschänzlich tragen
  Und Heitres nur genießen wollten,
  Warum wir uns ratschlagend quälen sollten?
  Doch weil ihr meint, es ging' nicht anders an,
  Geschehen ist's, so sei's getan.
      KANZLER:
  Die höchste Tugend, wie ein Heiligenschein,
  Umgibt des Kaisers Haupt; nur er allein
  Vermag sie gültig auszuüben:
  Gerechtigkeit!—Was alle Menschen lieben,
  Was alle fordern, wünschen, schwer entbehren,
  Es liegt an ihm, dem Volk es zu gewähren.
  Doch ach! Was hilft dem Menschengeist Verstand,
  Dem Herzen Güte, Willigkeit der Hand,
  Wenn's fieberhaft durchaus im Staate wütet
  Und übel sich in übeln überbrütet?
  Wer schaut hinab von diesem hohen Raum
  Ins weite Reich, ihm scheint's ein schwerer Traum,
  Wo Mißgestalt in Mißgestalten schaltet,
  Das Ungesetz gesetzlich überwaltet
  Und eine Welt des Irrtums sich entfaltet.
  Der raubt sich Herden, der ein Weib,
  Kelch, Kreuz und Leuchter vom Altare,
  Berühmt sich dessen manche Jahre
  Mit heiler Haut, mit unverletztem Leib.
  Jetzt drängen Kläger sich zur Halle,
  Der Richter prunkt auf hohem Pfühl,
  Indessen wogt in grimmigem Schwalle
  Des Aufruhrs wachsendes Gewühl.
  Der darf auf Schand' und Frevel pochen,
  Der auf Mitschuldigste sich stützt,
  Und: Schuldig! hörst du ausgesprochen,
  Wo Unschuld nur sich selber schützt.
  So will sich alle Welt zerstückeln,
  Vernichtigen, was sich gebührt;
  Wie soll sich da der Sinn entwickeln,
  Der einzig uns zum Rechten führt?
  Zuletzt ein wohlgesinnter Mann
  Neigt sich dem Schmeichler, dem Bestecher,
  Ein Richter, der nicht strafen kann,
  Gesellt sich endlich zum Verbrecher.
  Ich malte schwarz, doch dichtern Flor
  Zög' ich dem Bilde lieber vor.
  Entschlüsse sind nicht zu vermeiden;
  Wenn alle schädigen, alle leiden,
  Geht selbst die Majestät zu Raub.
      HEERMEISTER:
  Wie tobt's in diesen wilden Tagen!
  Ein jeder schlägt und wird erschlagen,
  Und fürs Kommando bleibt man taub.
  Der Bürger hinter seinen Mauern,
  Der Ritter auf dem Felsennest
  Verschwuren sich, uns auszudauern,
  Und halten ihre Kräfte fest.
  Der Mietsoldat wird ungeduldig,
  Mit Ungestüm verlangt er seinen Lohn,
  Und wären wir ihm nichts mehr schuldig,
  Er liefe ganz und gar davon.
  Verbiete wer, was alle wollten,
  Der hat ins Wespennest gestört;
  Das Reich, das sie beschützen sollten,
  Es liegt geplündert und verheert.
  Man läßt ihr Toben wütend hausen,
  Schon ist die halbe Welt vertan;
  Es sind noch Könige da draußen,
  Doch keiner denkt, es ging' ihn irgend an.
      SCHATZMEISTER:
  Wer wird auf Bundsgenossen pochen!
  Subsidien, die man uns versprochen,
  Wie Röhrenwasser bleiben aus.
  Auch, Herr, in deinen weiten Staaten
  An wen ist der Besitz geraten?
  Wohin man kommt, da hält ein Neuer Haus,
  Und unabhängig will er leben,
  Zusehen muß man, wie er's treibt;
  Wir haben so viel Rechte hingegeben,
  Daß uns auf nichts ein Recht mehr übrigbleibt.
  Auch auf Parteien, wie sie heißen,
  Ist heutzutage kein Verlaß;
  Sie mögen schelten

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