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Dracyr – Das Herz der Schatten

Dracyr – Das Herz der Schatten

Titel: Dracyr – Das Herz der Schatten
Autoren: Susanne Gerdom , Susanne
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Stadt besucht und die Festung nie betreten. Es war sogar jetzt im Frühsommer winterlich kalt und zugig in dem mächtigen Gemäuer. Dicke Wandteppiche sorgten für ein wenig Wärme, und in dem kleinen Saal, in dem die Wirtschafterin sie empfangen hatte, brannte im Kamin ein mächtiges Feuer. Aber hier im Gang pfiff ein erstaunlich kalter Luftzug um ihre Knöchel. Sie schauderte.
    Â» Im Winter ist es hier kaum auszuhalten « , sagte Bertha, der Kays Frösteln nicht entgangen war. » Du bekommst warme Dienstkleidung, und es ist dir erlaubt, dich im Aufenthaltsraum der Bediensteten aufzuwärmen, wenn deine Aufgaben dir eine Pause erlauben. Aber du wirst dich warmarbeiten, keine Sorge. « Sie hob mit einem schiefen Lächeln die Schultern. » Und man gewöhnt sich daran. Ich habe in meinem ersten Winter geglaubt, ich würde sterben, aber inzwischen bemerke ich die Kälte kaum noch. «
    Kay nickte. Ihre Kehle war zugeschnürt, sie konnte kein Wort herausbringen. Dies hier war also der letzte Ort auf Erden, den sie in ihrem Leben zu Gesicht bekommen würde. Was für ein trauriger, grauer Schauplatz. Sie schluckte einen Kloß herunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte, und fragte stockend: » Worauf muss ich besonders achten? «
    Bertha musterte sie mitfühlend. » Du bist andere Dienststellen gewöhnt, oder? Wo hast du bisher gearbeitet? «
    Â» Bei einer Kaufmannsfamilie in Sevengards « , log Kay. » Sie haben im Sommer übergesetzt, nach New Arconia. « Viele Familien hatten nach dem Sturz des Königshauses den Weg in das neue Land jenseits des Ozeans gewagt. Das war eine Geschichte, die ihr jeder glauben würde.
    Â» Du wirst dich hier schon zurechtfinden « , sagte Bertha. » Wir helfen dir dabei. In Mamsell Ellinors Bereich gibt es keine Schleicher und Giftspinnen. « Das schien dann also nicht für alle Bediensteten der Burg zu gelten, dachte Kay.
    Sie nickte. » Worauf muss ich aufpassen? «
    Bertha blieb stehen, klemmte den Korb zwischen sich und Kay ein und zuckte die Achseln. » Du siehst aus, als könntest du bis drei zählen. Halt den Kopf unten, sei freundlich und fall nicht auf. Widersprich niemals! « Sie überlegte kurz und setzte dann mit unterdrückter Stimme hastig hinzu: » Geh vor allem dem jungen Lord aus dem Weg. Er ist vollkommen verrückt und so unberechenbar wie ein toller Hund. « Sie nahm hastig Abstand, bevor Kay sie fragen konnte, wie das gemeint war.
    Kay schwieg und dachte über das Gehörte nach. Sie würde wahrscheinlich nicht so leicht an Lord Harrynkar herankommen, wie sie sich das vorgestellt und erhofft hatte. Die Burg war riesig, kein einfaches Gebäude, sondern beinahe ein ganzer Stadtteil für sich. Aus reinem Zufall würde sie seiner Lordschaft hier nicht über den Weg laufen, das war ihr jetzt schon klar. Wenn sie Pech hatte, würde man sie irgendwo in der Küche oder im Gesindetrakt schuften lassen und sie würde niemals in die Nähe der Gemächer seiner Herrschaft kommen. Sie musste sich irgendetwas einfallen lassen, wie…
    Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Bertha ihr grob den Henkel des Korbes aus der Hand riss und Kay zur Wand des Ganges winkte. » Runter! « , zischte sie, und Kay sah verblüfft, wie Bertha auf ein Knie fiel und das Gesicht in die Hände legte.
    Das Geräusch von Stiefeltritten weckte ihre Aufmerksamkeit. Sie hob den Kopf und sah der Gruppe entgegen, die sich näherte: verhüllte Gestalten, schwarz gewandet, mit purpurroten und dunkelvioletten Säumen an ihren Mänteln und tief in die Stirn gezogenen Kapuzen. Kein Schimmer von Haut durchbrach die düstere Erscheinung der Gruppe, alle trugen Handschuhe und schwarze Masken. Die Augen, die durch die Löcher blickten, waren menschlich: blau, braun, grün, ein kühles Grau. Das mussten die Dracyrreiter sein, die Schattenreiter, wie sie von den Leuten genannt wurden. Kay presste vor Aufregung die Hände zusammen, denn in der Mitte der Vermummten schritt ein massiger Hüne mit dunkelrotem Haar und wallendem Seidenmantel über dem schwarzen Leder. Lord Harrynkar. Sein Blick streifte gleichgültig die kniende Bertha und ruhte einen Wimpernschlag länger auf Kay, die ihn immer noch gebannt ansah. Er war so gewaltig. Die Luft um ihn schien Platz zu machen für seine schiere Masse, seine erdrückende Präsenz. Sie hätte es nie

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