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Die Wahrheit hat nur ein Gesicht (German Edition)

Die Wahrheit hat nur ein Gesicht (German Edition)

Titel: Die Wahrheit hat nur ein Gesicht (German Edition)
Autoren: Stella Brightley
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Prolog

    November.

    Emma ging schmunzelnd die Stufen hinauf. Gleich würde sie Alex sehen und ihm erzählen, was sie gerade erlebt hatte. Sie kam aus der Oper und irgendein Witzbold hatte den Feueralarm ausgelöst, just in dem Augenblick, als Siegfried dabei war, den bösen Mime zu erschlagen. Es war ungewollt komisch geworden, als die Oper plötzlich wie ein rumpelnder Waggon zum Stillstand gekommen war. Alle lauschten auf die Sirenen und dann ging es plötzlich los: Feuer in der Oper? Jeder im Publikum sah zu, dass er wegkam. Omis griffen besorgt nach ihren Taschen, Herren in Anzügen schützten Damen in langen Roben und dralle Hausfrauen in engen Kostümen stießen kleine, spitze Schreie aus. Alles drängte zum Ausgang. Auch Emma. Doch die Unterbrechung war ihr nicht unrecht, denn der Abend war zäh, die Regie langweilig und die Sänger den Ansprüchen der Wagneroper nur bedingt gewachsen. Warum nur ließ man so viel Inkompetenz auf die Bühne? Der Feueralarm ersparte ihr jedenfalls zwei weitere dröge Stunden.
    Emma steckte den Schlüssel ins Schloss und öffnete die Tür.
    »Alex?«
    Sie schloss die Tür hinter sich und lauschte in das dunkle Haus. War Alex noch ausgegangen? Er hatte sich geweigert mit in die Oper zu kommen, weil er Wagner nicht mochte.
    »Alex?«
    Emma ging den dunklen Flur entlang. Vielleicht war er in seinem Arbeitszimmer? Wenn die Tür zu war, konnte er sie dort nicht hören. Doch dann blieb sie plötzlich stehen. Noch bevor ihre Sinne reagierten, spürte sie, dass etwas nicht stimmte. Und dann hörte sie das Geräusch. Ein heftiges, rhythmisches Atmen und das Quietschen einer Matratze. Emma wurde blass. Die Geräusche kamen aus dem Schlafzimmer und wie hypnotisiert folgte sie ihrer Tonspur. Die Tür war nur halb angelehnt und Emma stieß sie langsam auf. Und dann erstarrte sie. Das Bild, das sich ihr bot, sprengte ihr gesamtes bisheriges Leben in Stücke:

    Alex lag nackt und schweißgebadet auf dem Bett. Auf ihm saß, ebenfalls nackt, Emmas Schwester Tatjana. Sie tanzte mit ihrem elastischen Körper auf seiner Hüfte auf und ab und aufgeregt gab sie dabei unregelmäßige kleine Schreie von sich. Alex hatte seine Hände an ihren Brüsten und massierte sie heftig. Er stöhnte vor Anstrengung. Beide waren hoch erregt und ihre roten Gesichter und schweißnassen Körper bezeugten die Zeit, die sie schon miteinander zugange waren.
    »Alex?«
    Benommen starrte Emma auf die zwei Menschen, die ihr am meisten bedeuteten.
    »Emma?«
    Alex hatte sie in der Tür entdeckt und sein fassungsloses Gesicht brach Emma das Herz. Sie drehte sich um und rannte davon.

1

    Juni, fünf Jahre später.

    O take my hand, dear Father, and lead Thou me,
    Till at my journey’s ending I dwell with Thee.
    Alone I cannot wander one single day,
    So do Thou guide my footsteps on life’s rough way.

    Emma war unfähig zu singen, sie saß regungslos auf der Bank. So nimm denn meine Hände… Dieses Lied hatte sie zuletzt in ihrer Kindheit gehört. Jetzt kamen ihr die Worte entgegen. Worte, die sie erschütterten. Sie biss die Zähne zusammen. Sie würde jetzt nicht weinen. Nicht jetzt. Nicht hier! Sie hatte kein Recht zu weinen.
    Sie starrte auf den Rücken des Mannes, der die Orgel bediente. Alex! Er war verantwortlich dafür, dass sie jetzt hier so saß. Ein Häuflein Elend voller Schuldgefühle. Aber sein Spiel war unsagbar schön. Noch nie hatte sie dieses alte Kirchenlied in solcher Vollendung gehört. Alex Landon, der Mann, den sie einmal geliebt hatte, saß an der einfachen Kirchenorgel und spielte Choräle. Sie betrachtete seine Hände, die über die Tasten glitten. Sie hatte diese Hände geliebt. Zarte, aber gleichzeitig kräftige Männerhände, die so oft ihre Haut… Sie schluchzte auf.
    Der Pfarrer blickte hoch und sah zu ihr herüber. Schluss! Schluss mit diesen Gedanken! Sie starrte auf den Sarg, der, mit weißen Rosen geschmückt, in der Mitte des Raumes stand. In diesem Sarg lag ihre Mutter. Darauf musste sie sich konzentrieren. Mama! Mama war tot, unwiederbringlich und sie hatte es versäumt, sie zu besuchen. Und nun war jede Chance auf ein Gespräch, auf eine Versöhnung vertan.
    Versöhnung? Sie hatte plötzlich Tatjanas Bild vor Augen. Tatjana, ihre wilde Schwester. Auch Tatjana fehlte heute. Und nicht nur heute. Auch Tatjana war tot und unweigerlich musste sie an jene unheilvolle Nacht denken. Damals vor fünf Jahren. In jener Nacht war sie geflohen. Fort aus London, weit weg nach Italien. Dort in

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