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Bluttrinker (German Edition)

Bluttrinker (German Edition)

Titel: Bluttrinker (German Edition)
Autoren: Monika Bender
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01
    Lukas stemmte die Fäuste hart in die Taschen seiner
Jeansjacke. Angespannt wanderte er im Wohnzimmer der heruntergekommenen
Dachwohnung umher.
Das verlassene Mietshaus musste vor Jahren eine schicke Adresse gewesen sein.
Jetzt bröckelte der Stuck von der Decke, das Parkett war stellenweise
eingebrochen und die Fensterscheiben waren fast blind.
    Am gegenüberliegenden Ende des lang gestreckten Raumes
sprach Lukas Vater mit seinen Kollegen. Johann Jägers Worte rauschten an ihm
vorbei, ohne seinen Verstand zu erreichen. Der Anführer der deutschen Jäger sah
seinem Sohn nicht sonderlich ähnlich. Lukas kam nach seiner Mutter, hatte ihr
helles Haar geerbt und die Farbe ihrer Augen. Ein leuchtendes Ultramarinblau,
wie der Himmel an einem klaren Morgen. Ein Himmel, den Lukas niemals zu sehen
wünschte.
    Er vermied es aufzublicken. Zu groß war die Furcht vor dem,
was er in der Miene seines Vaters vorfinden könnte. Die Matratzen auf der
gegenüberliegenden Raumseite waren Schuldzuweisung genug. Die Polizei der
Sterblichen hatte Klebeband benutzt, um die Position der Leiche zu markieren.
Lukas brauchte diesen Umriss nicht. Das jüngere Mädchen war hier gestorben. Die
Erinnerung, wie sie reglos dalag, hatte sich in seine Netzhaut eingebrannt.
Ebenso der Anblick ihrer zerschmetterten Freundin, unten, fünf Stockwerke
tiefer, auf dem dreckigen Asphalt vor dem Haus.
    „Die Polizei kann sich nicht recht erklären, was hier
vorgefallen ist.“
Lukas Vater wandte sich an seinen Vorgesetzten.
Jeder der anderen Jäger war größer und breitschultriger als Jeremias Hunter,
doch sein Führungsanspruch blieb unangefochten. Er hatte vor Jahrhunderten die
weltweite Organisation der Jäger begründet und er leitete sie noch immer, von
seiner Burg nahe London aus.
In schlichtem Schwarz hätte er unauffällig gewirkt, wäre nicht sein langes,
kastanienbraunes Haar gewesen, das ihm glänzend über die Schultern fiel. Von
seinen grünen Augen fühlte Lukas sich eingefangen. Vielleicht konnte Jeremias
tatsächlich auf den Grund seiner Seele sehen. Einige von Lukas Kameraden
glaubten das ganz ernsthaft.
    „Die Polizei geht davon aus, dass das Mädchen aus dem
Fenster gestoßen wurde“, fuhr Johann fort. „Sie weist Verletzungen auf, die auf
einen Kampf schließen lassen. Allerdings vermuten wir im Moment, dass Jan und
Peter versuchten, sie am Springen zu hindern.“
„Das entlastet die beiden wenigstens teilweise“, bemerkte Ole Jæger. Der Däne
war für Peter zuständig, dessen Familie in Kopenhagen lebte. „Vorausgesetzt
natürlich, sie besitzen genug Verstand, sich bald zu stellen.“
„Das Schlimmste ist“, schaltete Diego Cazador sich ein, ein schlanker Mann mit
dunklem Kraushaar, „dass das jüngere Opfer erst nach dem Selbstmord ihrer
Freundin leer getrunken wurde. Wenn ihn das nicht zur Vernunft gebracht hat,
sehe ich schwarz.“
„Es gibt nur eine einzige Bisswunde. Leider besteht kein Zweifel. Wir müssen
ihn als Abtrünnigen betrachten.“
    Abtrünnigen!
Dieses eine Wort seines Vaters durchdrang den zähen Nebel, in dem Lukas sich
bewegte.
„Ich verstehe das nicht. Wie konnte das so plötzlich passieren?“
Johann schüttelte bedächtig den Kopf.
„Ich glaube nicht, dass es plötzlich geschah. Wenn einer der Unseren beginnt,
bei seinen Wirten nach Schmerz und Angst zu suchen, ist das wie eine Droge.
Diese Sucht entsteht meist im Laufe vieler Jahre. Wenn nur noch der Tod des
Wirtes Befriedigung bringt, ist es das Ende einer langen Entwicklung.“
    „Meine Leute ermitteln in einigen ungeklärten Fällen“, warf
Diego ein. „Während der letzten Ferien verschwanden zwei Urlauberinnen an der
Costa Blanca. Möglicherweise hatte er damals seine Sucht weit genug unter
Kontrolle, um alle Spuren zu verwischen.“
    Jeremias nickte, bevor er sich Lukas zuwandte.
„Meines Wissens ist es bisher niemandem gelungen, vollständig zu klären, was
einen Bluttrinker zum Abtrünnigen werden lässt.“

02
    Zwei Nächte zuvor hatte Lukas die Dachwohnung des Hamburger
Abbruchhauses zum ersten Mal betreten. Die noch bewohnten Nachbargebäude boten
einen nur minimal besseren Anblick. Die Menschen, die dort lebten, hatten mit
Sicherheit genug eigene Probleme, um sich rauszuhalten.
    Lukas stieg der Geruch nach Schimmel und Rattenpisse in die
Nase, kaum dass er die Wohnungstür öffnete.
Die Jungs könnten wenigstens lüften. Er lauschte in sich hinein. Nur ein anderer Bluttrinker hielt sich hier
auf. Lukas folgte den typischen
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