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Aina - Herzorgasmus

Aina - Herzorgasmus

Titel: Aina - Herzorgasmus
Autoren: Nina Nell
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Herzschlags folgen. Was hatte sie getan? Was war mit ihr geschehen? Sie erinnerte sich an das erschrockene Gesicht des Mannes, als er tot, oder… bewusstlos am Boden gelegen hatte und übergab sich noch einmal. Wie hatte sie ihm solches Leid zufügen können? So war sie nicht. Etwas hatte von ihr Besitz ergriffen. Das war nicht sie gewesen! Das konnte unmöglich sein. Als sie irgendwann die Hand der Frau auf ihrem Rücken spürte, hob sie ihren tonnenschweren Kopf.
    »Tut mir leid«, sagte die Fremde und kniete sich zu Aina aufdie kalten Fliesen. »Ich sollte dir wohl danken. Nicht viele Menschen hätten so gehandelt. Du bist sehr…«, sie überlegte einen langen Moment und wählte schließlich ein Wort, das dem Klang ihrer Stimme nach zu urteilen nicht ehrlich sondern aufbauend gemeint war, »mutig.«
    Mutig, dachte Aina und hätte fast gelacht. Leichtsinnig traf es wohl eher. Und irre. Völlig irre. Sie klappte den Toilettendeckel hinunter und drückte auf die Spülung. Sie war eine Mörderin. Auch, wenn er nicht tot gewesen war, so war genau das ihre Absicht gewesen. Sie hatte ihn zur Strecke bringen wollen. Ihn eiskalt ermorden wollen. Dieses Scheusal, das sich an einer wehrlosen Frau vergriffen und sie geschlagen hatte. Ja, sie hatte eine Mordlust gespürt, die sie immer noch erschreckte und die sie immer mehr in dem Glauben bestärkte, dass etwas von ihr Besitz ergriffen hatte. Etwas, das in ihr schlummerte, wie ein stiller Vulkan und heute Nacht ausgebrochen war. Sie versuchte es seit ihrer Kindheit zu unterdrücken. Die Gefühle, die manchmal in ihr aufflammten und Überhand nahmen. Wut. Hass. Blutgier und Rachegelüste. Heute Nacht hatte sie den Kampf dagegen verloren. Ihr Verstand hatte sich ausgeschaltet, wie ein alter Generator, der überlastet gewesen war. Sie hatte es so satt, sich das Leid auf dieser Welt mit anzusehen. Ihre über die Jahre angestaute Wut darüber hatte sich ohne jede Kontrolle einfach entladen. An diesem einen Verbrecher, der für sie in diesem Moment alles verkörpert hatte, was sie zutiefst verabscheute. Das Böse. Das Übel dieser Welt. Oh, wie sehr sie es hasste. So sehr. Sie hatte sich so machtlos gefühlt, als sie aus der Ferne gesehen hatte, wie diese Frau von ihm gepeinigt worden war. So machtlos. Was hätte eine kleine Journalistin, die in ihrer Handtasche nichts als Papier und Bleistift und ein altes Diktiergerät mit sich trug, ausrichten können? Sie hätte die Polizei rufen können. Aber die hätte zu lange gebraucht. DieFrau wäre vermutlich schon tot gewesen, wenn sie eingetroffen wäre. Was war ihr also anderes übrig geblieben, als auf den Kerl zuzurasen, auszusteigen, herumzubrüllen und sich als Verteidigung ihre Schlüssel zwischen die Finger zu klemmen? Dass sie sie als Waffe benutzen konnte, um ihn zu töten, war ihr erst in den Sinn gekommen, als sich nach seinem verächtlichen Lachen ihr Verstand ausgeschaltet hatte.
    »Aber, du musst hier verschwinden«, sagte die Frau auf einmal zu ihr.
    Aina sah erschrocken auf.
    »Er wird dich suchen. Glaub mir, die machen keine Fehler.«
    »Wer sind die?«, fragte sie noch einmal ungeduldig und richtete sich wieder auf.
    Die Frau stand ebenfalls auf und machte ein gequältes Gesicht. »Das… willst du nicht wissen.« Dann drehte sie sich ängstlich zur Tür um, als würde sie nachsehen wollen, ob sie schon da waren, um sie zu holen.
    Aina spürte die wilde Entschlossenheit in sich aufflammen, die sie auch heute morgen gespürt hatte, als Andi ihr die Rettung der Welt hatte ausreden wollen. »Oh doch, das will ich!«, sagte sie mit fester Stimme. »Damit ich es der Polizei erzählen kann und sie die«, sie betonte das Wort mit aller Verachtung, die sie aufbringen konnte, »wer auch immer die sind, finden und einsperren können.«
    Auf einmal fing die Frau an zu lachen. Ein verzweifeltes und doch amüsiertes Lachen, das ein wenig klang, als würde sie im nächsten Moment anfangen zu weinen. Dabei hielt sie sich die Hand an den Kopf, als könne sie ihre eigenen Gedanken nicht ertragen. Aina blickte sie verständnislos an.
    »D… du«, lachte die Frau, »hast keine Ahnung, was du da angegriffen hast, oder?«
    Was sie da angegriffen hatte? Hatte sie sich versprochen oderhatte sich Aina verhört? Oder bezeichnete sie diesen Kerl absichtlich als ein »Es«?
    »Fragst du dich nicht, warum er wieder aufgestanden ist?«, erwähnte die Frau leise, aber mit einer ernsthaften Neugier in den glasigen Augen.
    Einen Moment lang war es

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