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Socrates - Der friedvolle Krieger

Titel: Socrates - Der friedvolle Krieger
Autoren: Dan Millman
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PROLOG
    Jede Reise hat eine geheime Bestimmung,
von welcher der Reisende selbst nichts weiß.
    MARTIN BUBER
     
    Ich habe Dimitri Sakoljew getötet.
    Dieser düstere Gedanke tauchte wieder und wieder in Sergejs Kopf auf, während er bäuchlings auf einem moosbewachsenen Baumstamm lag und so schnell und leise wie möglich über den Kruglojesee paddelte, der fünfundzwanzig Kilometer nördlich von Moskau liegt. Sergej war aus der Newski-Kadettenanstalt und vor seiner Vergangenheit geflohen, aber der Tatsache, dass er Dimitri Sakoljew getötet hatte, konnte er nicht so leicht entfliehen.
    Sergej versuchte, sich parallel zum Ufer zu halten. Ab und zu spähte er durch die Finsternis zu den bewaldeten Hügeln hinüber, die nur auftauchten, um gleich darauf wieder im dichten Nebel zu verschwinden. Die schwarze Oberfläche des Sees, die vom bleichen Licht des Mondes schwach erhellt wurde, wenn er durch die Wolken brach, glänzte bei jedem Eintauchen seiner Arme silbern auf. Die Wasserspritzer und die bittere Kälte lenkten Sergej einen Augenblick lang ab, bevor er wieder an Sakoljews Körper im Schlamm denken musste.
    Sergej konnte seine Hände und Beine kaum noch fühlen. Er wusste, er würde bald an Land gehen müssen, weil der vollgesogene Baumstamm ihn nicht ewig tragen würde. Nur noch ein bisschen weiter , dachte er, nur noch einen Kilometer, dann werde ich an Land gehen . Die Flucht über das Wasser war sicher nicht die schnellste oder die sicherste Methode, aber sie besaß einen eindeutigen Vorteil: Auf dem Wasser hinterließ man keine Spuren.
    Schließlich hielt er auf das Ufer zu, rollte vom Baumstamm herunter, stand einen Moment lang hüfttief im Wasser, bevor er durch den Schlamm und das Schilf zum Strand hinauf watete, um gleich darauf im dunklen Wald zu verschwinden.
    Er war fünfzehn Jahre alt und er war ein Flüchtling.
    Sergej liefen nicht nur wegen der Kälte eisige Schauer den Rücken hinunter, sondern auch, weil er ein Gefühl von Bestimmung hatte - als ob jedes Ereignis seines bisherigen Lebens ihn zu diesem Punkt geführt hätte. Während er sich seinen Weg durch das Unterholz zwischen den Kiefern und Birken bahnte, dachte er daran, was ihm sein Großvater erzählt hatte - und wie alles angefangen hatte.
     
    Im Herbst des Jahres 1872 wehte ein eisiger Wind von der moosbewachsenen sibirischen Tundra über die Ural-Berge und die Taiga zu den riesigen Kiefern- und Birkenwäldern, die Sankt Petersburg umgaben - das Kronjuwel von Mütterchen Russland.
    Vor dem Winterpalast patrouillierte die Leibgarde von Alexander II. in ihren Wollmützen und schweren Wollmänteln. Die nahe gelegene Newa war nur eine der neunzig Wasserstraßen, die unter achthundert Brücken hindurchflossen, vorbei an Häuserreihen und Kirchen, auf deren Turmspitzen Kreuze funkelten. Nicht weit vom Fluss befanden sich die Parkanlagen, in denen - beleuchtet von den Straßenlaternen, die in der beginnenden Abenddämmerung gerade angezündet worden waren - die Statuen von Peter dem Großen, Katharina der Großen und von Puschkin standen - Zar, Zarin und literarisches Genie.
    Der beißende Wind riss die letzten gelben Blätter von den dürren Ästen, spielte mit den Wollröcken der Schulmädchen und zerwühlte das Haar zweier Jungen, die im Hof eines zweistöckigen Hauses miteinander rangen. Eine plötzliche Böe blies die Gardinen im Fenster des zweiten Stockes in ein Schlafzimmer hinein, in dem Natalja Iwanowa, die Frau des Sergej Iwanow stand. Sie zog ihren Schal enger um die Schultern und lächelte in sich hinein, als sie auf den Hof hinuntersah, auf dem ihr kleiner Sohn Sascha mit seinem Freund Anatoli spielte.
    Anatoli rannte auf Sascha zu und versuchte, ihn zu Fall zu bringen. Im letzten Moment machte Sascha einen Schritt zur Seite und warf Anatoli über die Hüfte, so wie es ihn sein Vater gelehrt hatte. Vor lauter Stolz krähte er dabei wie ein Hahn. Was für ein starker Junge er doch ist , dachte Natalja. Er kommt ganz nach seinem Vater . Sie bewunderte seine Energie umso mehr, als es ihr im Moment völlig daran fehlte. Seit in ihrem Bauch ihr zweites Kind wuchs, war sie ständig erschöpft, was allerdings auch keine Überraschung war. Ihre Nachbarin Jana Waslakowa, die zugleich auch ihre Hebamme war, hatte sie gewarnt: »Eine so zerbrechliche Frau wie du sollte nicht noch ein Kind haben.« Und doch trug sie wieder ein neues Leben unter dem Herzen und betete täglich, dass ihr die Kraft gegeben werden möge, das Kind auszutragen. Und
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