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Zwölf Monate, siebzehn Kerle und ein Happy End: Das Single-Experiment (German Edition)

Zwölf Monate, siebzehn Kerle und ein Happy End: Das Single-Experiment (German Edition)

Titel: Zwölf Monate, siebzehn Kerle und ein Happy End: Das Single-Experiment (German Edition)
Autoren: Juli Rautenberg
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im Dispo ist, dass mir der freundliche Mitarbeiter die Privatinsolvenz nahe legt. Ich möchte weinen. Ich möchte schreien, ich möchte kotzen und irgendwas kaputt machen. Ich entscheide mich für Letzteres und trete einmal beherzt gegen den Schirmständer, der neben dem Eingang steht. Das verschafft mir ein kleines Gefühl von Genugtuung, mehr aber auch nicht. Scheiße. Was mache ich denn jetzt? Ich bin 500 Kilometer von zu Hause entfernt, ich habe kein Geld, um mir die Zugfahrt zu leisten, und zu allem Überfluss kommt jetzt gerade noch die Meldung, dass mein Gesprächsguthaben auf dem Handy fast leer ist.
    So. Liebes Universum. Wir müssen reden. Das funktioniert so nicht. Du kannst mir nicht die Erleuchtung, die Ruhe und die Zuversicht schenken, wenn du mir dann diese Knüppel zwischen die Beine schlägst! Was soll das sein, die Erstverschlimmerung? Du verabreichst mir Einsicht in homöopathischen Dosen und dann streckst du mich mit einem gut gezielten Fausthaken zu Boden?
    Ich schleife mich und mein mieses Karma aus der Bankfiliale. Wieder in der Bahnhofshalle angekommen setze ich mich auf eine Bank. Ich bin den Tränen nahe. Ich weiß wirklich nicht, was ich jetzt machen soll. Ich kenne niemanden in Hamburg. Ich kenne nicht mal jemanden in Hannover. Und Mädchen sollen nicht per Anhalter mitfahren, weil sie dann vergewaltigt und im Unterholz verscharrt werden. Das Wasser steigt in meinen Augen hoch. Ich hab noch nicht mal Taschentücher. Und kein Geld, um mir welche zu kaufen. Mist!
    Ein Handy klingelt. Ich stelle fest, dass es meines ist. Durch den Tränenschleier erkenne ich nicht, was auf dem Display steht, ich nehme einfach ab und schluchze herzzerreißend: »Ja?«
    »Hi«, strahlt es mich von der anderen Seite an. »Ich bin’s!«
    Ich kenne diesen »Ich bin’s«. »Ich bin’s« hat schon öfter bei mir angerufen. »Konrad?«, frage ich vorsichtig, und meine Hände werden so feucht wie meine Augen.
    »Ja! Hi! Wie geht’s? Wo steckst du? Ich dachte, du wärst schon lange zurück …« Weiter kommt er nicht. Ich fange hemmungslos an zu weinen. Konrad. Konrad ruft mich an. Ich heule, wettere, schreie und tobe, bis ich weniger wütend und verzweifelt bin und befürchten muss, dass jetzt auch noch mein Akku leer ist. Ich erzähle Konrad von meinem fürchterlichen Dilemma. Konrad stellt pragmatische und lösungsorientierte Fragen, und ich habe schon nach 20 Sekunden das Gefühl, dass er alles im Griff hat. Ich bin nicht mehr allein, ich muss das nicht mehr alles alleine hinkriegen. Konrad ist da, und er wird sich darum kümmern, dass das wieder geradegebogen wird.
    »Okay. Ich kann dir leider so schnell kein Geld nach Hamburg schicken«, sagt Konrad und ich spüre, wie der Wasserpegel wieder steigt. »Aber etwas anderes. Ich möchte, dass du dir ein hübsches Eckchen suchst. Irgendwo, wo es warm ist und du ein Weilchen bleiben kannst. Eine Buchhandlung vielleicht, da hast du auch ein bisschen Zeitvertreib. Und da bleibst du, bis ich komme.«
    Wie bitte? Was? »Konrad, ist das dein Ernst?« Ich bin fassungslos. Konrad nicht, Konrad lacht.
    »Natürlich ist das mein Ernst. Zugegeben, ich wollte heute Abend lieber mit dir ins Kino gehen, aber hej, man kann es sich ja nicht immer aussuchen. Bleib, wo du bist. Ich hole dich ab.«
    Ich bin gerührt. So gerührt, dass ich nicht widersprechen kann. Ich bin beeindruckt, fasziniert, geschockt, verwirrt und unsagbar glücklich. Deswegen weine ich nochmal ein bisschen. Konrad sagt noch ein paar nette Sachen, dann schickt er mich los, ein Plätzchen für die kommenden sechs Stunden suchen. Die Buchhandlung im Bahnhof hat tatsächlich noch einige Stunden offen, außerdem eine kleine Leseecke und eine Kundentoilette. In der letzten Zeit hat sich herausgestellt, dass mich bedingungslose Ehrlichkeit meistens am Weitesten bringt, deswegen nehme ich meinen Mut zusammen, suche mir einen freundlich lächelnden Angestellten heraus und ziehe ihn ins Vertrauen. Mark ist praktischerweise der Filialleiter und hat – obwohl er mich schon etwas zweifelnd ansieht – vollstes Verständnis für meine Situation. Er erlaubt mir, es mir in der Leseecke gemütlich zu machen, allerdings unter der Prämisse, dass ich tatsächlich ein Buch lese und nicht schlafe. »Es wäre nicht gut, wenn andere Obdachlose denken, dass sie hier eine neue Zuflucht finden.«
    Ich denke darüber nach, ob ich die Bezeichnung »andere Obdachlose« diskutieren soll, entscheide mich aber für goldenes Schweigen und

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