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Zwischen Wind und Wetter

Zwischen Wind und Wetter

Titel: Zwischen Wind und Wetter
Autoren: Ulrich Straeter
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Thekengespräch hängen, und ich muß fast verdursten. Die kann ich wohl nicht mehr zum Bierholen schicken. Ach Ilse.
    In guter Stimmung rollen wir am nächsten Morgen zur Bahnstation. Erneut schreckt uns eine bittere Wahrheit: es gibt keinen durchgehenden Zug nach Fishguard. Überhaupt fährt der Zug erst heute abend recht spät, in Bristol muß umgestiegen werden, von Kopfbahnhof zu Kopfbahnhof mit den Rädern durch die Industriestadt, durch smoggy Bristol. Nein, das wollen wir nicht. Gequält erkundigen wir uns nach anderen Lösungen. Eine Strecke hat eine fahrradbedingte Lücke, für eine Teilstrecke gibt es lediglich einen Zug, der nur ein einziges Fahrrad mitnimmt.
    Wir könnten doch nacheinander fahren, wird uns geraten. Nein, das wollen wir nicht, aus Prinzip nicht.
    Und, gibt es einen dritten Weg? Es gibt ihn. Ein Zug bis Swansea in Wales, über Cardiff. Zwar auch über Bristol, aber ohne Umsteigen. Das ist gut. Von Swansea müssen wir dann weitersehen. Wann fährt der Zug? In five minutes. In fünf Minuten, und wir brauchen noch Fahrkarten für die Räder. Six Pounds, please, der Beamte wechselt schnell das Geld, have a good journey, und los. Gut, daß wir schon gestern entdeckten, wie man in Bath hinten herum ohne Brücke und Treppen auf die ‘Platform 2’ kommt, denn die ist es mal wieder.
    Der Sprinter, ein kurzer Dieseltriebwagen, fährt bis Cardiff, dort ist Endstation, wir brauchen also nicht aufzupassen. Wir haben eine angenehme Fahrt, sehen viel vom walisischen Industriegebiet, Fördertürme, Halden, graue Städte, lodernde Flammen vom Abfackeln, den weißen Dampf von Kühltürmen, wie im Ruhrgebiet, dem ‘Kohlenpott’, vor dreißig Jahren. Dazwischen aber auch grüne Hügel, Wiesen und Weiden. Das Signalhorn des Zuges ertönt, Töne, die uns an die Melodie von ‘Guten Abend, gute Nacht’ erinnnern. Ob man wohl drei Kreuze machen muß, wenn der Zug gute Nacht singt und dann in den Tunnel unter der breiten Mündung des Severn bei Bristol einfährt? Wir kommen heil ans Tageslicht, nur in den Ohren knackt es.
    Von Cardiff geht es nach Swansea, Heimatstadt des walisischen Dichters Dylan Thomas, der viel zu früh gestorben ist. Wieder müssen wir Fahrpläne studieren und eine Entscheidung fällen. Der Fishguard-Zug fährt erst sehr spät heute abend oder morgen gegen Mittag. Wir könnten aber schon mal bis Whitland fahren, dort ist auf unserer Karte ein Campingplatz eingezeichnet. Danach werden wir weitersehen.
    Aber halt, sagt die nette, junge Dame am Infoschalter, der Zug nach Whitland (Ziel: Pembroke Docks, hol’s der Teufel, warum haben wir eigentlich keine Fahrkarten nach Pembroke? Dann könnten wir jetzt durchfahren!), hol’s der Teufel, der Zug nach Whitland nimmt only one bike... und auch nur eins von den unseren, wenn nicht schon jemand anderes mit Fahrrad sich im Zug aufhält.
    Fragen Sie erst den Zugbegleiter, rät uns die junge Dame, und wenn er großzügig ist, kaufen Sie schnell die Byke-Fahrkarten bei mir. We have to smile. Auf ‘Platform 2’ stoßen wir auf einen Bahnbeamten, der sich als Bahnhofsvorsteher entpuppt. Ein netter Mann, der sich unaufgefordert nach unseren Problemen erkundigt. Und dann geht alles sehr schnell. Ich werde zum Kartenkaufen abkommandiert, er wird sich mit Ilse um die Räder kümmern. Als ich zurückkomme, sind die Räder schon fest im Zug vertäut. Der Chef hatte schnell zwei Helfer organisiert, um sich in Ruhe mit Ilse unterhalten zu können. Jetzt ist auch noch Zeit für ein Schwätzchen über den Schwarzwald, wo er schon einmal war, übers Radfahren, über flache Länder wie Holland und England und über bergige wie Wales und Schottland. England wäre wirklich schön flach, meint er. Dann führen wir am besten nach England und würden Wales auslassen, werfe ich ein. Aber da winkt er schnell ab. Das dürfe ich hier, in Wales, nicht laut sagen. England und Wales, er schlägt die Fäuste gegeneinander. Engländer, Waliser und Schotten, er sucht nach dem richtigen Ausdruck, bauten am liebsten Wälle, Deiche gegeneinander. Und das haben sie in der Vergangenheit auch getan. Der um das Jahr 800 entstandene, nach dem englischen König Offa benannte ‘Offa’s Dyke’ zieht sich 270 Kilometer an der walisisch-englischen Grenzlinie entlang. Heute folgt ein Wanderweg (Offa’s Dyke Path) dem ehemaligen Grenzwall von Chepstow im Süden bis Prestatyn im Norden. Also Radfahren doch lieber in Wales, trotz der Hügel? Der Bahnhofsvorsteher von Swansea nickt.
    Von

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