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Zwischen Vernunft und purem Verlangen

Zwischen Vernunft und purem Verlangen

Titel: Zwischen Vernunft und purem Verlangen
Autoren: Kelly Hunter
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1. KAPITEL
    „Du könntest mich heiraten“, sagte Max Carmichael, ohne den Blick von den Bauzeichnungen für das neue Verwaltungszentrum zu lösen, die auf Evies Zeichentisch klemmten. Es handelte sich um seine Entwürfe, und er fand sie ganz ausgezeichnet. Evie war für die Erarbeitung der Kostenaufstellung zuständig. Die Kosten dieses Bauprojekts lagen weit höher als bei allen anderen Bauaufträgen, die er bisher ausgeführt hatte.
    Die Bemerkung des Mannes, der seit sechs Jahren ihr Geschäftspartner war, konsternierte sie so sehr, dass sie kurz von den Zahlenkolonnen aufsah. Max war ein Architekt mit Visionen. Evie, in ihrer Eigenschaft als Bauingenieurin, hatte die Aufgabe, seine hochfliegenden Pläne zurück auf den Boden realistischer Finanzierung zu bringen. Zusammen waren sie ein unschlagbares Team. Jedenfalls meistens …
    „Hast du was gesagt, Max?“
    „Allerdings“, antwortete er betont geduldig. „Ich habe dir vorgeschlagen, mich zu heiraten. Nur als verheirateter Mann komme ich vor meinem dreißigsten Geburtstag an den Treuhandfonds heran. Dreißig werde ich erst in zwei Jahren.“
    „Zwei Fragen, Max: Wieso ausgerechnet ich? Und wieso gerade jetzt?“
    „Die Antwort auf deine erste Frage lautet: Weil ich dich nicht liebe, und weil du mich nicht liebst.“
    Evie musterte ihn aus zusammengekniffenen Augen.
    „Das macht es uns leichter, uns in zwei Jahren wieder scheiden zu lassen. Und zu Punkt zwei: Es liegt im Interesse von MEP, dass du mich heiratest.“ MEP war das Akronym für Max und Evangeline Partnerschaft, also die Baufirma, die sie vor sechs Jahren gemeinsam gegründet hatten. „Dieses Projekt können wir nicht mit dem Geld aus der Portokasse stemmen.“
    Ich versuche ja seit einer Woche, ihm das zu erklären, dachte Evie. Doch Max war regelrecht vernarrt in den geplanten ultramodernen Neubau des Verwaltungszentrums. Wenn sie diesen Auftrag an Land zogen, brauchten sie sich um ihr Renommee keine Sorgen mehr zu machen. Allerdings hatte die Sache einen Haken: Das Gebäude sollte direkt am Wasser gebaut werden und erforderte daher aufwändige Fundamentarbeiten. Die Kosten dafür musste MEP tragen, bis zum Abschluss der ersten Bauphase. Erst dann wurde die erste Zahlung seitens des Bauherrn fällig.
    „Das Projekt ist eine Nummer zu groß für uns, Max.“
    „Du denkst in zu kleinen Maßstäben“, warf er ihr vor.
    „Ich denke in Maßstäben, die wir uns leisten können“, gab sie zurück. Bei MEP handelte es sich um eine kleine, solide Baufirma mit sechs Angestellten und einer Anzahl zuverlässiger Subunternehmer, auf die sie zurückgreifen konnten. Ein Großprojekt wie das Verwaltungszentrum erforderte jedoch erheblich größere Kapazitäten, sowohl personell als auch finanziell. Sollten sich Liquiditätsschwierigkeiten einstellen, müssten sie möglicherweise innerhalb weniger Monate in die Insolvenz gehen. „Wir benötigen eine Rücklage von zehn Millionen Dollar, um dieses Projekt zu stemmen, Max.“
    „Wenn du mich heiratest, steht uns das Geld zur Verfügung.“
    Evie machte große Augen.
    Jetzt ist sie baff, dachte Max und grinste vergnügt.
    Evie hatte sich wieder gefangen. „Willst du behaupten, du hättest einen Treuhandfonds von 10 Millionen Dollar?“
    „Fünfzig, um genau zu sein.“
    „Fünfzig … Und wieso erfahre ich das erst jetzt?“
    „Na ja, weil ich ja eigentlich erst ab meinem dreißigsten Geburtstag darüber verfügen kann.“
    Man sah ihm die fünfzig Millionen nicht an. Max war groß und dünn, hatte braune Augen und braunes Haar, kleidete sich leger und arbeitete hart. Er war ein hervorragender Architekt. „Eigentlich hast du es gar nicht nötig zu arbeiten“, meinte Evie.
    „Ich liebe meinen Beruf, und ich will dieses Projekt an Land ziehen, Evie. Warum soll ich zehn Jahre warten, bis wir uns die Mittel für so ein Großprojekt erarbeitet haben? Das Verwaltungszentrum ist unsere große Chance. So was ergibt sich nicht so schnell wieder.“
    „Das mag ja sein“, gestand sie ihm zu. „Aber wir haben unsere Firma als gleichberechtigte Partner gegründet. Du kannst doch nicht plötzlich zehn Millionen investieren, ohne dass ich meinen eigenen Beitrag leiste.“
    „Betrachte das Geld als Darlehen, Evie. Als Anschubfinanzierung und für unvorhergesehene Ausgaben. Wenn das Projekt abgeschlossen ist, ziehe ich das Geld wieder aus der Firma. Ach ja, und wir müssen natürlich einen Ehevertrag schließen.“
    „Wie romantisch“, flötete sie

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