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Zwei Sommer

Zwei Sommer

Titel: Zwei Sommer
Autoren: Britta Keil
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    Ich liebe dich.
    Diese SMS stammt von Oliver. Oliver ist mein Freund. Schön bis hierher. Aber: Diese Nachricht ist nicht an mich gerichtet.
    Tatsächliche Empfängerin dieser Botschaft ist Isabella. Schön für Isabella. Schlecht für Isabella: Sie ist meine beste Freundin.
    Ich halte Olivers Handy zwischen meinen Fingern und suche nach einer möglichst schmerzarmen Erklärung für diese SMS, die aus dem Handy meines Freundes stammt und ganz offensichtlich nicht an mich gerichtet gewesen ist.
    Ein Tippfehler?! Scheidet aus. Isabellas Nummer und meine unterscheiden sich – abgesehen von der Vorwahl – in exakt sieben Ziffern.
    Ein Versehen? Aber was hat Isabellas Nummer überhaupt in Olivers Telefonbuch zu suchen?
    Können sich Handys irren oder aus Boshaftigkeit Nachrichten an die falschen Personen versenden? – Schwachsinn.
    Mir fallen logische und schwachsinnige Erklärungen für meine Entdeckung ein. Aber nur eine, die mich überzeugt. Und die tut weh. »Tut weh« – eine total niedliche Umschreibung für das Gefühl in meinem Bauch. Da toben sieben Wirbelstürme gleichzeitig und dass puddingähnliche Gefühl in meinen Knien verrät mir, das ich mich lieber setzen sollte. Und zwar genau jetzt. Ich plumpse auf den Boden. Da bleibe ich dann auch. So ungefähr eine halbe Ewigkeit sitze ich in Olivers Zimmer auf seinem Fußboden und heule Rotz und Wasser in seine mintgrüne Auslegware. Weil mir absolut nichts Besseres einfällt und weil mir alles wehtut.
    Als endlich keine Tränen mehr übrig sind, die ich in Olivers bescheuertem mintgrünem Teppich versenken könnte, wird mir alles klar: Isabella, meine beste Freundin, die ich seit zehn Jahren kenne, und Oliver, mit dem ich seit vier Monaten zusammen bin, haben mich komplett verarscht. Sie hat ihn geküsst! Ganz bestimmt hat sie ihn geküsst. Und er hat sie zurückgeküsst. Und zwischen dem Küssen und dem Zurückküssen hat er mich geküsst und so getan, als sei ich die Einzige auf seinen Lippen. Augenblicklich beginne ich, mir auf dem Mund herumzuwischen. Als würde das irgendetwas rückgängig machen. Als könnte ich Olivers Küsse abwischen, die Riesenverarschung wegwischen.
    Was soll ich denn jetzt machen? Oliver ist beim Sport und in ungefähr einer halben Stunde wird er wieder da sein und mich küssen oder zwischendurchküssen wollen. Und er wird ausrasten, wenn ich ihm erzähle, dass ich an seinem Handy herumgespielt habe. Aber das kann mir eigentlich egal sein, oder?
    Ich schalte auf Autopilot, packe völlig benommen meine Sachen zusammen und gehe. Und einen kurzen Moment lang wünsche ich mir, dass ich diese SMS nie gelesen hätte. Dann wäre meine Welt noch heil und rund und kunterbunt und mein Herz kein Scherbenhaufen, der mir in der Brust pikt und meine Träume in Scheiben schneidet.
    Ein Anruf in Abwesenheit. Oliver. Ja, ich bin abwesend. So was von abwesend. Quasi unsichtbar. Ich gehe einfach nicht ans Telefon. Ich sitze auf meinem Bett und warte auf irgendwas. Wahrscheinlich darauf, dass er noch mindestens zehnmal anruft, damit ich nicht rangehen kann.
    Wo bist du?
    Eine SMS von Oliver. Na bitte. Aber ich werde ihn nicht zurückrufen. Er soll auf keinen Fall merken, dass ich heule. Stattdessen schreibe ich ihm auch eine SMS. Das ist doch das Tolle an Kurznachrichten. Dass man alle möglichen Dinge behaupten kann und der andere nicht sieht, was man für ein Gesicht dazu macht. Dass einem die Mundwinkel dabei zittern oder die Wimperntusche verschmiert. Überhaupt bin ich für schmerzfeste Wimperntusche.
    Schöne Grüße an Isabella. Und von mir aus kannst du an eurem nächsten Kuss ersticken. Schönes Leben noch, du Arschloch.
    Mein Handy gibt mir Empfangsbestätigung.
    Ich warte. Keine Reaktion.
    Ich warte immer noch. Nichts.
    Ich warte weiter. Trotzdem nichts.
    Kein: Welchen Film schiebst du denn? Kein: Vergib mir. Kein: Ich liebe dich und nur dich. Und schon gar kein: Wach auf, Kleines, alles nur ein schlimmer Traum.
    Wieso reagiert er nicht? Er ist gerade dabei, mich zu verlieren, und unternimmt nichts dagegen! Sekunden vergehen und Minuten. Ich habe das Gefühl, dass sich in diesen Sekunden und Minuten etwas in meinem Leben verändert und ich sitze hier ohnmächtig rum und kann nichts dagegen tun.
    Ich halte mein Handy in der Hand, meine Finger zittern, mein ganzer Körper beginnt zu vibrieren, mein Herz sticht und krampft sich zusammen, bis es sich anfühlt wie ein Stein in meiner Brust. Mir ist so kalt.
    Ich starre aufs Display. Leuchte!

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