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Zorn - Wo kein Licht

Zorn - Wo kein Licht

Titel: Zorn - Wo kein Licht
Autoren: Stephan Ludwig
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Teil Eins
    Eins
    Er rannte.
    Es war fünf Uhr morgens, und er war allein. Noch zwei Stunden bis Sonnenaufgang. Die Stille über der Stadt war unwirklich, fast gespenstisch. Nichts war zu hören bis auf seinen hektischen Atem und das leise, irgendwie fettige Klatschen seiner nackten Füße auf dem kalten Asphalt. Obwohl es erst Anfang Oktober war, roch es nach Winter, nach Schnee und kaltem Rauch.
    Der Mann war klein, korpulent, nicht älter als sechzig. Die Jacke des gestreiften Pyjamas spannte über seinem Bauch, die Hosenbeine schlackerten um die nackten Waden.
    Die Straße vollführte einen sanften Rechtsbogen, senkte sich ein wenig. Er erreichte die Mauer der alten Burg. Dann sah er die Brücke, im schwefligen Licht der Laternen leuchtete sie wie in einem surrealen Film. Er beschleunigte.
    Auf der anderen Straßenseite erschien eine Frau. Sie schob einen Kinderwagen, ihr Atem dampfte in der kalten Morgenluft. Sie sah den rennenden Mann im Schlafanzug und blieb stehen. Zögerte, öffnete den Mund. Dann ging sie weiter, kopfschüttelnd, ohne etwas gesagt zu haben.
    Das, was er in der Hand hielt, hatte sie nicht erkannt.
    Er achtete nicht auf sie, konzentrierte sich auf das Laufen. Früher hatte er viel Sport getrieben, das allerdings war über dreißig Jahre her. In der letzten Zeit hatte seine Kraft nachgelassen, jetzt war es die Angst, die ihn vorwärtstrieb.
    Nein, Flügel verlieh sie ihm nicht, die Angst. Doch er war schnell, auch wenn er mit kleinen, tippelnden Schritten dahinhastete. Kein Wunder, wenn man bedachte, dass er auf dem besten Wege war, ein alter, gebrechlicher Mann zu werden.
    Als er die Mitte der Brücke erreichte, blieb er stehen, stützte die Hände auf die Oberschenkel und versuchte, wieder zu Atem zu kommen. Das graue Haar hing ihm in klebrigen Strähnen über das Gesicht, er schob es mit einer hastigen Bewegung hinters Ohr, richtete sich auf und sah sich um.
    Da war niemand.
    Er hatte keine Ahnung, wie sein Verfolger aussah, er kannte nur die Stimme auf seinem Anrufbeantworter. Aber er wusste, dass er da war. Dass er näher kam.
    Du hast eine Grenze überschritten, hatte der Mann gesagt.
    Und: Ich werde dich besuchen. Dann wirst du mir geben, was ich von dir will.
    Der, der ihn jetzt verfolgte, hatte auch noch von anderen Dingen gesprochen, mit leiser, monotoner Stimme. Von Dingen, an die der alte Mann nicht denken wollte. Jetzt nicht.
    Das Brückengeländer war nicht hoch, es reichte ihm gerade bis zur Hüfte. Er beugte sich vor. Tief unter ihm schoss der Fluss in schlammigen Wirbeln dahin, sein Schatten tanzte auf dem Wasser, ein unruhig zappelndes Schemen. Er griff nach der Brüstung, seine Hand zuckte zurück, als die Haut das kalte Metall berührte.
    Der Boden vibrierte, von rechts näherte sich eine Straßenbahn. Die Scheinwerfer blendeten ihn, er schloss die Augen. Die Bahn fuhr langsam, dann, als sie die Brücke erreichte, beschleunigte sie und fuhr in vollem Tempo vorbei. Die Menschen darin waren kaum zu erkennen, dunkle Gestalten, die müde auf ihren Sitzen hockten. Niemand achtete auf den alten Mann im Schlafanzug, der jetzt über die Brüstung kletterte und sich auf das Geländer setzte.
    Die Straßenbahn verschwand hinter einer Kurve.
    Unten am Bootsanleger bellte ein Hund.
    Der Mann hielt sich eine Pistole an die Schläfe.
    Das war’s dann wohl, murmelte er und schloss die Augen.
    Dann fiel er, mit den Füßen voran. Einem Instinkt folgend, hielt er sich mit der linken Hand die Nase zu, was überflüssig war, denn kurz, bevor er auf dem Wasser aufschlug, drückte er mit der anderen Hand ab. Die Kugel durchschlug seinen Schädel und bohrte sich dann in den Stamm einer Trauerweide am Ufer.
    Das Wasser war kalt.
    Doch das spürte er nicht mehr.
    *
    Knapp zwei Stunden später, als sich die Berufspendler bereits zum allmorgendlichen Stau auf der Brücke versammelt hatten, herrschte ein paar hundert Meter flussabwärts Hochbetrieb.
    Kurz vor dem Wehr vollzog der Fluss eine scharfe Linkskurve, hohe Porphyrwände schoben sich steil aus dem Wasser. Auf halber Höhe war ein schmaler Wanderweg in den Fels gehauen, von dort führte eine steinerne Treppe zu einem Plateau direkt am Wasser. Über dem Eingang einer kleinen Höhle wies ein verwittertes Bronzeschild darauf hin, dass sich hier vor über zweihundert Jahren der Sage nach ein berühmter Freiheitskämpfer versteckt gehalten hatte.
    Den Beamten, die sich an dieser Stelle versammelt hatten, war diese Geschichte egal, ihre

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