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Zielstern Beteigeuze

Zielstern Beteigeuze

Titel: Zielstern Beteigeuze
Autoren: Karl-Heinz Tuschel
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1
    Vor weniger als einer Viertelstunde war das Raumschiff aus dem zeitfreien Transit in den Zielraum übergewechselt. Es driftete jetzt auf die rote, sonnengroße Scheibe in der Mitte des Bildschirms zu, die in Wirklichkeit ein roter Überriese war, dessen Durchmesser nach den Angaben der Astronomen siebenhundertmal so groß wie der der Sonne sein sollte.
    Hirosh, der Arzt, von seiner Diagnoseautomatik geweckt, hatte nach sorgfältiger Untersuchung seinen eigenen körperlichen und geistigen Zustand als zufriedenstellend eingestuft. Er erhob sich und erprobte mit einigen Sprüngen und Drehungen, die in keinem Testprogramm vorgesehen waren, spielerisch die Kraft und Elastizität seines kaum sechzigjährigen Körpers. Zum fünftenmal erlebte er diese hinreißende Lust am Spiel der Muskeln und Gelenke. Noch immer war ihm dieser berechenbare, aber nicht erlebbare Zustand des zeitfreien Transits unheimlich, und wie jedesmal empfand er die Erweckung als eine Art Wiedergeburt.
    Er trat an das Bett der Expeditionschefin und betrachtete bewundernd ihren nackten Leib. Sie war etwa gleichaltrig und hatte drei Kinder geboren, aber kein Fleckchen ihrer Haut, keine der Beugen und Rundungen hätte einem fremden Arzt mehr über ihr Alter verraten, als daß sie körperlich ausgereift war, also jedenfalls wohl über die Zwanzig hinaus sein müsse. Auch der Tonstrom, in den das Diagnosegerät ihre Körperfunktionen übersetzte, floß mit der
    Gesetzmäßigkeit einer Fuge dahin: Jede Stimme, jede Harmonie zeugte von Funktion und Zusammenspiel der Organe, keine Dissonanz blieb unaufgelöst, der Rhythmus war von zwingendem Gleichmaß.
    Hirosh seufzte, das Lächeln auf seinem zerfältelten Gesicht verlor etwas von seiner Verbindlichkeit. Mit diesem Körper würde er
    weniger zu tun haben, mehr mit dem Charakter - hoffentlich und leider. Hoffentlich, weil er selbstverständlich jedem eine ungebrochene Gesundheit wünschte und überhaupt hoffte, daß die
    Erweckung der Mannschaft seine letzte Arbeit als Arzt sein würde und daß er sich dann ausschließlich den viel angenehmeren und
    interessanteren Pflichten des Kochs widmen konnte - und leider, weil ihn eben der Charakter der Chefin nicht im gleichen Maße begeisterte wie ihr Körper.
    Er blickte ihr ins Gesicht. Umrahmt von langem und dichtem schwarzem Haar, wirkte es schmaler, als es in Wirklichkeit war, und selbst der Schlaf verbarg nicht die Fähigkeit dieses Gesichts, leidenschaftliche Bewegung auszudrücken.
    Hirosh schaltete den Bildschirm ein. Farbige Funken stoben über die rechteckige Fläche - die REM-Phase des Schlafes. „Atacama!“ flüsterte der Arzt.
    Die Chefin schlug die Augen auf.
    „Nennen Sie das Ziel der Expedition!“ forderte der Arzt.
    Flüchtige Regungen huschten über Atacamas Gesicht: Wiedererkennen, Zufriedenheit, Stolz und nun ein wenig Belustigung.
    „Beteigeuze“, sagte sie, „auch Betelgeuse, Alpha orionis, Veränderlicher vom My-Cephei-Typ, Leuchtkraftklasse I, Spektralklasse M zwei, Entfernung von der Sonne hundertachtzig Parsec. Genügt das?“
    Die Angaben waren ohne Stockung gekommen, Bildschirm und Tonstrom waren normal geblieben, der Sprachanalysator, den Hirosh jetzt dazugeschaltet hatte, zeigte völlige Identität mit dem Sprachmaterial, das vor dem Start aufgenommen worden war. Bei einem anderen Besatzungsmitglied hätte Hirosh hier abbrechen können, aber von der Chefin hing zuviel ab, bei ihr mußte er das ganze Programm abarbeiten.
    „Nennen Sie die Aufgabe der Expedition!“ forderte er.
    „Im vergangenen Jahr haben die periodischen Leuchtkraftschwankungen des Beteigeuze aufgehört. Der Stern muß also, da sein Licht so lange bis zur Erde braucht, vor etwa sechshundert Jahren in eine neue Entwicklungsetappe eingetreten sein. Und zwar in eine Etappe, die allen bekannten Sternmodellen und überhaupt allen Theorien der Sternentwicklung widerspricht, weil das Aufhören der Schwankungen von keiner sonstigen Änderung begleitet war - weder von Explosion noch von Kollaps. Aufgabe der Expedition ist es, durch Beobachtung aus der Nähe neue, wahrscheinlich revolutionierende Erkenntnisse über die Sternentwicklung zu gewinnen.“
    Der Rhythmus des Tonstroms hatte sich beschleunigt, Blitze zuckten über den Bildschirm, das Thema hatte Atacama erregt. Aber der Arzt sah, daß die Erregung gebändigt und gerichtet war, kein Grund zur Beunruhigung, ganz normal. Die gefürchteten Anzeichen für Transitschäden traten nicht auf, sie waren überhaupt

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