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Zerteufelter Vers (German Edition)

Zerteufelter Vers (German Edition)

Titel: Zerteufelter Vers (German Edition)
Autoren: Daria Verner
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fühlte das Leben in ihren Adern pulsieren. Wenn es Freiheit gab, dann lag sie jetzt vor ihr. – In diesem Moment, in diesem Zug, wo auch immer er sie hinbringen würde!
     

2 Auf die Plätze, fertig, los
    Um jeglicher Fahrkartenkontrolle aus dem Weg zu gehen, verschanzte sich Gloria auf der Toilette. Sie begutachtete sich im Spiegel. Ihre braunen Haare wirkten gepflegt und fielen ihr geradewegs über die Schultern. Hübsch sah sie aus. Gloria riss ein Blatt Papier aus ihrem College-Block, schrieb ‹Defekt› in großen Buchstaben darauf und klebte es schließlich an der Außenseite der Tür fest. Den Toilettendeckel klappte sie hinunter und hockte sich mit angezogenen Beinen auf das Klo.
    Gloria dachte an die gestrige Nacht und zog das Buch aus ihrem Rucksack. Seit sie es aus den Flammen rettete, hatte sie noch nicht hineingesehen. Der Einband schimmerte braunbläulich und in der Mitte umrahmten metallene Verzierungen eine Art Wappen. Es sah uralt aus. Gloria schlug das Buch in der Mitte auf. Die Seiten wirkten zerbrechlich, noch älter als der Einband selbst. Sie fragte sich, aus welcher Zeit es stammte. Die Zeichen, die auf den Seiten standen, konnte sie nicht lesen. So etwas hatte sie vorher noch nie gesehen: Es waren weder Buchstaben einer europäischen Sprache, noch sah es aus wie chinesische oder arabische Zeichen. Gloria schlug ein paar Seiten um, doch auch diese zeigten sich übersäht mit seltsamen Linien.
    Schade – das Buch hatte so schön zu ihrer gestrigen Aktion gepasst. Glorias ganzes Leben kam ihr seit drei Monaten irreal vor; da wäre eine mysteriöse Geschichte aus einem alten Buch genau das Richtige gewesen! Trotzdem wollte Gloria es als Trophäe für immer in Ehren halten.
    Sie dachte an ihren Vater. Wie würde er reagierte, sobald er ihr Verschwinden realisierte? Ein schlechtes Gewissen machte sich breit. Sie konnte ihren Vater nicht so abservieren – das hatte er nicht verdient. Andererseits wollte sie ihm zuliebe nicht noch länger in Weimar ausharren, wo sie alles erstickte. Gloria suchte in ihrer Jackentasche nach dem Text, den sie vorhin eigentlich für sich selbst geschrieben hatte. Sie las die Zeilen nochmals durch, bevor sie ‹Lieber Papa› in den Kopf setzte und den Inhalt um ein paar Sätze ergänzte. Sie schrieb ihm, dass es ihr leid tat, sie aber dringend einen Neuanfang benötigte. Es ging ihr nicht so schlecht wie er dachte; vielmehr sorgte sie sich um ihn . Gloria würde wieder nach Hause kommen, aber so wie die letzten Wochen ging es einfach nicht weiter.
    ‹Bitte sei mir nicht böse. Ich melde mich, Deine Gloria!› Zufrieden begutachtete sie ihr Werk. Am Frankfurter Hauptbahnhof steckte Gloria ihren Zettel in einen Umschlag und warf ihn ein. Jetzt war es schwarz auf weiß besiegelt! Das einzige, was nun zählte, war die Frage, wo es als nächstes hingehen sollte. Auf Gleis Sechs wartete ein ICE. Sie schaute nach dem Display: Hauptbahnhof Düsseldorf… Warum nicht? Gloria stieg ein, schaffte es erneut, sich vor der Fahrkartenkontrolle zu drücken und setzte schließlich den Fuß auf den Düsseldorfer Bahnsteig.
    Es war verrückt: Zum ersten Mal seit langem fühlte sie sich entspannt, fast schon fröhlich. In einem Internetcafé suchte Gloria nach einer Bleibe und fand bei den Last-minute-Anbietern ein sagenhaft günstiges 4-Sterne-Hotel. Gloria freute sich über ihre Entdeckung und buchte gleich zwei Nächte. Mit einem Stadtplan bewaffnet lief sie über die Hauptstraße Richtung Innenstadt. Kreuz und quer durch Gassen und Straßen fand sie schließlich den Rhein. Es war dunkel und der schwarzgraue Teppich spiegelte die Lichter der Laternen. Gloria gefiel diese Stadt vom ersten Augenblick an: Unzählige Bars und Kneipen, reges Leben und eine Vielzahl von Cafés direkt an der Rheinpromenade.
    Der Wind wehte Gloria ins Gesicht, als sie gedankenverloren auf den Rhein blickte. Kaum vorstellbar, dass diese Unmengen an Wasser nie aufhörten. Alle Flüsse mündeten seit eh und je ins Meer, das nie überlief. Es war ein gigantischer Kreislauf, der Gloria viel mächtiger erschien, als das Leben der Menschen und ihre Sorgen. Gloria lief die lange Promenade entlang, ehe sie ihr Hotel erreichte. Der heutige Tag würde ihr für immer in besonderer Erinnerung bleiben. Sie war stolz! – Auf sich selbst, auf ihre Entscheidung und auf ihren Mut.
    Als sie die Zimmertür öffnete, zauberte sich ein Staunen auf Glorias Gesicht. Es sah toll aus! Ein Fernseher, gemütliche Möbel… Und das

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