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Zero Option: Thriller

Zero Option: Thriller

Titel: Zero Option: Thriller
Autoren: Tom Wood
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fallen. Regentropfen prallten auf sein Gesicht.
    Der dritte Attentäter deckte entweder die andere Seite der Fabrik ab, oder er hatte bereits auf die Schreie seiner Kollegen reagiert. Victor rannte los. Er nahm den Weg, den er gekommen war, rannte den Hügel hinauf, rannte über das Brachland.
    Er hörte Sirenen. Auf der anderen Seite der Handwerksbetriebe würde er auf Polizisten und Krankenwagen treffen. Ein Risiko, aber wenn er die Wahl hatte, dann wollte er lieber verhaftet werden als umgebracht. Es fiel ihm schwer, den Maschendrahtzaun zu überklettern, so geschwächt, wie er war, und bei der Überquerung der Stacheldrahtkrone fügte er seinen Armen und Beinen noch eine Anzahl neuer Wunden hinzu.
    Auf der anderen Seite sank er, von Erschöpfung überwältigt, auf die Knie. Der Regen mischte sich mit dem Blut auf seinem Gesicht. Er legte den Kopf in den Nacken und wartete, bis sich genügend Regenwasser in seinem Mund gesammelt hatte. Dann spuckte er es zusammen mit dem Blut und den Geweberesten wieder aus.
    Er befühlte die Schnittwunde an seiner Schläfe. Die gewaltigen Adrenalinmengen, die durch seinen Körper gepumpt wurden, sorgten dafür, dass er den Schmerz überhaupt nicht spürte. Der obere Teil seines Ohrs war zwar noch da, hing aber nur noch an einem dünnen Hautfetzen. Die Glasscherbe hatte zwar die Schläfenvene angeritzt – das war die Verletzung, die am stärksten blutete –, aber daran würde er nicht sterben. Mithilfe des Regens wusch er sich das Gesicht und den Kopf sauber, so gut es ging.
    Als die Kraft langsam wieder in seine Glieder zurückkehrte, stand er auf. Eine Hand auf die Wunde gedrückt, um die Blutung zumindest teilweise zu stillen, ging er parallel zu den Werkstätten weiter. Immer wieder sah er durch Gassen und Lücken die Blinklichter der Streifenwagen. Mögliche überlebende Israelis waren mit Sicherheit vor dem Eintreffen der Polizei geflohen. Die Augenzeugen würden zweifellos die verrücktesten Räuberpistolen erzählen. Irgendwann würde das ganze Gebiet dann abgesperrt und durchsucht werden, aber wenn die Suchtrupps schließlich bis zu der Fabrik vorgedrungen waren, dann waren die Kidon-Attentäter schon längst über alle Berge.
    Victor hastete weiter. Der Regen prasselte ihm auf den Kopf, durchnässte ihn bis auf die Haut. Nach einer Viertelstunde hatte er anderthalb Kilometer hinter sich gebracht, befand sich am Rand von Sofia, ging durch eine ruhige Straße. Er gab einem Obdachlosen fünfzig Euro für seine Wollmütze, dann stieg er in einen Bus. Er setzte sich auf die Rückbank, drückte die verletzte Schläfe an das kalte Fensterglas und sah aus wie jeder andere müde und durchnässte Fahrgast auch. Insgesamt saßen fünf Personen in dem Bus. Niemand beachtete Victor.
    Die Wirkung des Adrenalins ließ langsam nach, und die Schmerzen wurden stärker. Er sah auf seine Armbanduhr. Kurz nach Mitternacht. Ein neuer Tag. Verletzt, aber am Leben, die verbliebenen Mitglieder der Kidon-Einheit weit weg. Die Israelis würden die Suche nach ihm zunächst einstellen. Sie würden sich zurückziehen, genau wie er, würden versuchen, so viel Distanz wie möglich zwischen sich und die fehlgeschlagene Entführung zu bringen. Sie waren – genau wie er – bestimmt nicht scharf darauf, auch noch mit den bulgarischen Behörden Ärger zu bekommen.
    Die überlebenden Mitglieder der Einheit würden noch an diesem Tag nach Israel zurückkehren und versuchen herauszufinden, was eigentlich schiefgelaufen war. In den folgenden Tagen gab es dann Berichte zu schreiben, Leichen zu bergen, Beerdigungen zu besuchen und eine Nase zu rekonstruieren. Vorerst stellten sie keine Bedrohung für ihn dar, aber Victor wusste, dass die Gefahr nicht vorüber war. Nach diesem Abend wollte der Mossad ihn bluten sehen, und zwar mehr als je zuvor. Am besten, sie reihten sich hinter den anderen in die Schlange ein.
    Sein Spiegelbild starrte ihn an. Regungslose schwarze Pupillen in einem ausdruckslosen Gesicht, von Regentropfen verzerrt. Ein durchsichtiger Schemen vor der dahinter liegenden Welt.
    Der Bus fuhr aus der Stadt hinaus. Wohin, wusste er nicht. Es war ihm eigentlich auch gleichgültig. Victor machte die Augen zu und ließ sich vom Schlaf überwältigen.

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