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Zero Option: Thriller

Zero Option: Thriller

Titel: Zero Option: Thriller
Autoren: Tom Wood
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sehen war. Schließlich drehte er sich nach links zu dem Hausbewohner um, den Kopf nach vorn geneigt, damit seine Augen im Schatten lagen.
    Ein korpulenter Mann mit einem etliche Tage alten Stoppelbart beugte sich zu seiner Wohnungstür heraus und hielt sich mit fetten Fingern am Türrahmen fest. Zwischen seinen dicken Lippen hing eine Zigarette. Er musterte den Mann mit dem Aktenkoffer von oben bis unten und nahm dann mit zitternden Fingern die Zigarette aus dem Mund. Aschereste fielen auf das schäbige Linoleum.
    Er schwankte leicht und fing dann wieder an zu sprechen. Schleppend und undeutlich kamen die Worte aus seinem Mund. Ein Betrunkener also. Keine Gefahr.
    Der Geschäftsmann ignorierte ihn, nahm seinen Aktenkoffer und ging den abzweigenden Korridor entlang, entfernte sich von dem Betrunkenen, bevor dieser noch mehr Lärm machen konnte. Als hinter ihm eine Tür ins Schloss gedrückt wurde, blieb er stehen und kehrte lautlos zurück. Vorsichtig linste er um die Ecke, sah niemanden und steckte die Neun-Millimeter- Beretta 92F zurück in die Innentasche seines Mantels, nachdem er sie wieder gesichert hatte.
    Der Raum hinter der Gebäudewartungstür war vollkommen dunkel. Irgendwo war ein tropfender Wasserhahn zu hören. Der Geschäftsmann knipste eine kleine Taschenlampe an. Der schmale Lichtstrahl glitt über nackte Backsteinwände, Rohrleitungen, Kisten und eine Metalltreppe an der Seite. Er schlängelte sich darauf zu und stieg lautlos hinauf. Die rostige Dachklappe war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Es war nur unwesentlich schwerer zu knacken als das Türschloss zuvor.
    In elf Stockwerken Höhe biss eisiger Wind in sein Gesicht und jeden Quadratzentimeter entblößter Haut. Doch nach wenigen Sekunden hatte sich der Luftdruck im Treppenhaus angeglichen, und der Schmerz ließ nach. Er duckte sich, um möglichst wenig Sichtfläche zu bieten, und schob sich zum westlichen Dachrand. Der Wind blies die Wolken in Richtung Norden, und das Glühen der aufgehenden Sonne konnte sich jetzt über der ganzen Stadt verbreiten. Bukarest lag ihm zu Füßen, erwachte langsam aus dem Schlaf. Abgesehen von seinem momentanen Aufenthaltsort eine ausgesprochen schöne Stadt. Es war sein erster Besuch hier, und er hoffte, dass seine Arbeit ihn bald wieder einmal hierher- führen würde.
    Jetzt wandte er sich dem Aktenkoffer zu, schloss ihn auf und klappte den Deckel hoch. Eine dichte Schaumstoffhülle umgab das zerlegte Heckler & Koch MSG-90. Als Erstes befestigte er den Lauf am Gewehrkolben mit der integrierten Abzugsgruppe. Dann brachte er das Hensoldt-Zielfernrohr an, gefolgt vom Schaft und von dem zwanzigschüssigen Magazin. Er klappte das Zweibein auf und stellte die Waffe auf die niedrige Dachbrüstung.
    Durch das Visier sah er die Stadt jetzt in zehnfacher Vergrößerung – Gebäude, Autos, Menschen. Nur so zum Spaß richtete er das Fadenkreuz auf den Kopf einer jungen Frau und folgte ihr, ahnte ihre Bewegungen und Richtungswechsel voraus, behielt sie ununterbrochen im Visier. Glück gehabt, Mädchen, dachte er und verzog den Mund zu einem seltenen Lächeln. Er hob den Kopf, veränderte die Position des Gewehrs und blickte anschließend noch einmal durch das Fernrohr.
    Nun war es auf den Eingang des Grand Plaza Hotel in der Calea Dorobantilor gerichtet. Das achtzehnstöckige Gebäude besaß eine moderne Fassade aus Glas und Edelstahl, die kraftvoll und zugleich grazil wirkte. Der Geschäftsmann hatte auf seinen zahlreichen Reisen rund um den Erdball bereits etliche Hotels der Howard-Johnson-Kette kennengelernt, aber dieses hier noch nicht. Falls das Grand Plaza dem durchschnittlichen bis hohen Standard der anderen Häuser entsprach, dann hatte die Zielperson vermutlich einen angenehmen Aufenthalt gehabt. Aus seiner Sicht war es absolut angemessen, dass der zum Tod Verurteilte erholt und ausgeschlafen seiner morgendlichen Hinrichtung entgegenging.
    Jetzt holte der Mann mit dem Gewehr einen Laser-Entfernungsmesser aus dem Aktenkoffer und visierte den Hoteleingang an. Er lag genau fünfhundertzweiundfünfzig Meter entfernt. Das war eine absolut akzeptable Entfernung und nur sechs Meter weniger, als er geschätzt hatte. Er drehte am Höhenverstellrad, um die Einstellungen für die Entfernung und den Schusswinkel zu korrigieren.
    Vor dem Hoteleingang stand ein Türsteher mit zerfurchtem Gesicht, gähnte und entblößte dabei seine schlechten Zähne. An einer Straßenlaterne ganz in der Nähe flatterte ein lilafarbenes

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