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Zeitschaft

Zeitschaft

Titel: Zeitschaft
Autoren: Gregory Benford
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– 1 –
Frühjahr 1998
     
     
    Denk daran, viel zu lächeln, dachte John Renfrew melancholisch. Die Leute schienen das zu mögen. Sie fragten sich nie, warum man nicht zu lächeln aufhörte, ganz gleich, was gesagt wurde. Es war wohl ein generelles Anzeichen guten Willens, vermutete er, einer der Tricks, die er nie beherrschen würde.
    »Daddy, sieh mal…«
    »Verflixt, paß doch auf!« schrie Renfrew. »Nimm das Papier aus meinem Porridge, ja! Marjorie, warum sind die verdammten Köter in der Küche, während wir frühstücken?«
    Drei Gestalten, mitten in der Bewegung erstarrt, blickten ihn an. Marjorie, die sich mit dem Bratenwender gerade vom Herd abwandte. Nicky, die den Löffel zum Mund hob, der sich zu einem erstaunten »Oh« geformt hatte. Johnny neben ihm, der seine Schulaufgaben in der ausgestreckten Hand hielt und dessen Gesicht Enttäuschung verriet. Renfrew wußte, was seiner Frau jetzt durch den Kopf ging. John muß wirklich nervös sein. Er wird niemals wütend.
    Das stimmte. Ein weiterer Luxus, den er sich nicht leisten konnte.
    Die starre Fotografie löste sich in Bewegung auf. Marjorie scheuchte mit einer hektischen Bewegung die kläffenden Hunde zur Hintertür hinaus. Nicky beugte den Kopf über den Teller und schaute prüfend auf ihren Haferbrei. Dann führte Marjorie Johnny zu seinem Platz am Tisch zurück. Renfrew holte tief Luft und biß in seinen Toast.
    »Fall Daddy heute nicht zur Last, Johnny. Er hat heute morgen eine wichtige Besprechung.«
    Ein ergebenes Nicken. »Tut mir leid, Daddy.«
    Daddy. Alle nannten ihn Daddy. Nicht Pop, wie Renfrews Vater stets genannt werden wollte. Das war ein Name für Väter mit schwieligen Händen.
    Melancholisch nahm Renfrew seine Umgebung in sich auf. Manchmal fühlte er sich hier, in seiner eigenen Küche, fehl am Platz. Dort saß sein Sohn in dem grau-blauen Blazer der Schuluniform und sprach mit der klaren Stimme der Oberschicht. Renfrew erinnerte sich an die verwirrende Mischung aus Verachtung und Neid, die er in Johnnys Alter für solche Jungen empfunden hatte. Gelegentlich, wenn er Johnny beiläufig anblickte, kam die Erinnerung an jene Zeit zurück. Dann bereitete er sich innerlich auf die vertraute Gleichgültigkeit im Gesicht seines Sohnes vor – und fand dort statt dessen Bewunderung.
    »Ich bin derjenige, der sich entschuldigen sollte, Junge. Ich wollte dich nicht so anschreien. Wie deine Mutter schon gesagt hat, ich bin heute ein wenig nervös. So, und was wolltest du mir gerade zeigen, he?«
    »Weißt du, da ist der Aufsatzwettbewerb zu dem Thema«, begann Johnny scheu, »wie Schulkinder helfen können, die Umwelt zu säubern und Energie zu sparen und so. Ich wollte dir meinen Aufsatz zeigen, bevor ich ihn abgebe.«
    Renfrew biß sich auf die Lippe. »Heute habe ich keine Zeit, Johnny. Wann mußt du ihn spätestens abgegeben haben? Ich werde versuchen, ihn heute abend zu lesen, okay?«
    »Okay. Danke, Daddy. Ich lasse ihn hier. Ich weiß, daß deine Arbeit schrecklich wichtig ist. Der Englischlehrer hat das gesagt.«
    »So, hat er das? Was hat er denn gesagt?«
    »Nun, eigentlich…« Der Junge zögerte. »Er hat gesagt, die Wissenschaftler haben uns in den Schlamassel reingebracht, und sie sind die einzigen, die uns jetzt da wieder rausholen können – wenn es überhaupt jemand kann.«
    »Das haben andere auch schon gesagt, Johnny. Eine Binsenweisheit.«
    »Binsenweisheit? Was ist eine Binsenweisheit, Daddy?«
    »Meine frühere Lehrerin hat genau das Gegenteil gesagt«, warf Nicky plötzlich ein. »Sie sagt, die Wissenschaftler haben schon genug angerichtet. Sie sagt, Gott sei der einzige, der uns wieder rausholen kann, und wahrscheinlich wird er das nicht.«
    »Ach du liebe Güte, noch so ein Untergangsprophet! Na ja, schätzungsweise immer noch besser als die Primmies und ihr Zurück-in-die- Steinzeit-Gewäsch. Außer, daß die Untergangspropheten uns ständig in den Ohren liegen und uns deprimieren.«
    »Miss Crenshaw sagt, die Primmies werden Gottes Urteil ebensowenig entgehen, wie weit sie auch davonrennen mögen«, sagte Nicky bestimmt.
    »Marjorie, was ist in dieser Schule nur los. Ich will nicht, daß sie Nickys Kopf mit solchen Ideen vollstopft. Die Frau hört sich unausgeglichen an, unausgewogen. Sprich mal mit ihrer Direktorin über sie!«
    »Ich bezweifle, daß das etwas nutzen würde«, entgegnete Marjorie gleichmütig. »Heutzutage gibt es mehr ›Untergangspropheten‹, wie du sie nennst, als sonstwen.«
    »Miss

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