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Zeit des Aufbruchs

Zeit des Aufbruchs

Titel: Zeit des Aufbruchs
Autoren: Raymond E. Feist
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Eins
    Chaos

    Das Schauspiel begann.
    Fahnen flatterten an jedem hohen Gebäude entlang der Alleen, die zur Arena führten. Die Stadtbewohner warfen Blumen auf die Straßen, um den Göttern zu versichern, daß sie nicht neidisch auf jene in höheren Positionen waren. Aus Gründen, die nur der Gott des Betrugs kannte, schenkten die Stadtbewohner ihre Gunst wahlweise dem einen oder anderen Haus, jubelten stürmisch oder verhalten, je nachdem, wer vorbeizog. Maras Sänfte und Eskorte wurden mit lautem Applaus begrüßt. Arakasi war wieder als gewöhnlicher Diener verkleidet und ging an Kevins Seite mit dem Gefolge hinter der Sänfte. »Es scheint, als würde der Mob in diesem Monat die Acoma begünstigen, Mylady. Der Sieg in Tsubar hat Euch bei den Gewöhnlichen zu einer Heldin gemacht.«
    Lärm erstickte Maras Antwort.
    Auf dem langen, prächtigen Boulevard, der sich durch das kaiserliche Viertel zog, drängten sich die Massen aus allen Bereichen des tsuranischen Lebens. Die Kleidung reichte von den kostbarsten Gewändern und Juwelen der Edlen über den schmucklosen Baumwollstoff der Handwerker bis zu den Fetzen gemeiner Bettler. Für die Spiele, die der Kriegsherr zu Ehren des Lichts des Himmels abhielt, hatten viele die schönsten Schmuckstücke aus den Juwelenschatullen genommen – besonders mutige, wohlhabende Händler staffierten gar ihre Töchter in der Hoffnung aus, die Aufmerksamkeit eines edlen Bewerbers auf sich zu ziehen.
    Seltener Metallschmuck, polierte Kämme, Jadeschmuck und Edelsteine blitzten um Maras Sänfte herum auf, als ihre Gefolgsleute mit Dutzenden von Eskorten und Sänften der Lords und Ladies anderer Häuser um Platz auf der Straße kämpften. Einige benutzten Palankins in schillernden Festtagsfarben, die mit Pailletten aus glänzendem Perlmutt besetzt waren; in anderen Sänften, die von ungefähr zwanzig Sklaven getragen wurden, saßen ganze Familien.
    So weit das Auge reichte, bildete die riesige Festtagsmenge einen gewaltigen, phantastischen Wirbel aus tausend verschiedenen Farben; nur die Sklaven mit ihren alltäglichen Gewändern im langweiligen Grau standen außen vor.
    Kevin starrte wie ein blinder Mann, dem gerade das Augenlicht geschenkt worden war. Vor einer Gefolgschaft von Kriegern in Rot und Lila, zwischen den Baldachin-Stäben unzähliger Sänften, sah er eine mit Schleifen und Fähnchen geschmückte Wand, die er für das Ende des Boulevards hielt. Doch als die Gruppe der Acoma näher kam, weiteten sich seine Augen erstaunt. Die Barriere war keine Wand, sondern ein Teil des Großen Kaiserlichen Stadions.
    Das Amphitheater war gewaltig, viel größer, als er sich jemals hätte vorstellen können. Die Sänftenträger, Soldaten und Gemeinen strömten über eine breite Treppenflucht hinein, dann über einen Eingangsbereich auf eine zweite Treppenflucht zu. Oben befand sich wieder ein Platz, und dahinter lag der Eingang zum Stadion. Als Maras Träger mit dem Aufstieg begannen, schaute Kevin sich nach beiden Seiten um und stellte fest, daß es allein in diesem Palastbereich noch mindestens ein Dutzend weiterer Eingänge geben mußte.
    Selbst hier mußten die Wachen schieben und drängeln, um den Weg für ihre Lady freizumachen. Ganz Tsuranuanni war erschienen – um den Spielen zu Ehren des Kaisers beizuwohnen oder um das Schauspiel zu beglotzen, das von den Edlen dargeboten wurde. Nur Gelegenheiten wie diese brachten sie so nah mit den Mächtigen des Kaiserreichs zusammen, und die Bevölkerung des Landes drängte in Scharen in die Stadt, um zu sehen, zu schwatzen und sich zu zeigen.
    Trotz der festlichen Atmosphäre blieben die Krieger wachsam. Männer, deren Rang und Position nicht erkennbar war, schoben sich durch die Menge. Viele trugen Gildenabzeichen; andere waren Boten, Verkäufer oder verbreiteten Gerüchte; einige mochten auch Agenten oder Spione sein oder gar Diebe; Attentäter konnten in jeder Verkleidung auftreten. Jedes offizielle Fest, bei dem die Clans und verschiedenen politischen Gruppierungen miteinander Kontakt bekamen, war auch eine Art Erweiterung des Spiels des Rates.
    Hinter der höchsten Treppe erhob sich ein steinerner Bogen, der gut sechzig Meter überspannen mochte. Kevin versuchte die Größe der dahinterliegenden Arena abzuschätzen, doch es gelang ihm nicht. Die Stufen der nicht überdachten Sitze mußten hunderttausend Zuschauern Platz bieten, und kein Amphitheater im Königreich konnte sich damit messen.
    An der ersten Terrasse rief Lujan:

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