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Zauber einer Winternacht

Zauber einer Winternacht

Titel: Zauber einer Winternacht
Autoren: Nora Roberts
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1. K APITEL
    Verdammter Schnee. Gabriel schaltete in den zweiten Gang hinunter, verlangsamte das Tempo des Jeeps auf fünfzehn Meilen pro Stunde und starrte leise fluchend nach vorn, bis ihm die Augen schmerzten. Die Scheibenwischer glitten hektisch hin und her, aber mehr als eine weiße Wand war nicht zu sehen. Kein Winterwunderland. Der Schnee prasselte in Flocken herab, die so groß und gemein aussahen wie eine Männerfaust.
    Auf ein Abebben dieses Schneesturms zu warten war sinnlos, das war ihm klar, als er die nächste Kurve im Kriechtempo nahm. Zum Glück kannte er nach sechs Monaten die schmale, windungsreiche Straße aus der Stadt. Er konnte praktisch nach Gefühl fahren, aber ein Neuling wäre chancenlos. Trotzdem schmerzten seine Schultern und sein Nacken vor Anspannung. Hier in Colorado konnten Schneestürme im Frühling nicht weniger heimtückisch sein als mitten im Winter. Und sie konnten eine Stunde oder einen Tag dauern. Dieser hatte jedenfalls alle überrascht – Einheimische, Touristen und den Nationalen Wetterdienst.
    Er hatte nur noch fünf Meilen vor sich. Dann würde er seine Vorräte ausladen, das Feuer anzünden und den Aprilschnee von der warmen Hütte aus genießen können, mit einem heißen Kaffee oder einem eiskalten Bier.
    Der Jeep erklomm die Steigung wie ein Panzer, und er war seinem Gefährt dankbar, dass es ihn nicht im Stich ließ. Wegen des unerwarteten Schneefalls würde er für die Zwanzig-Meilen-Strecke von der Stadt nach Hause vielleicht dreimal so lange wie sonst benötigen, aber er würde es mit Sicherheit schaffen.
    Die Wischer mühten sich ab, um die Frontscheibe freizuhalten. Sekunden der Sicht auf nichts als Weiß folgten Sekunden der weißen Blindheit. Wenn es so weiterging, würde der Schnee bei Einbruch der Nacht mindestens einen halben Meter hoch liegen. Gabriel tröstete sich mit dem Gedanken, dass er bis dahin längst zu Hause sein würde, hörte aber nicht auf, leise vor sich hin zu fluchen. Wenn er am Tag zuvor nicht vergessen hätte, auf die Uhr zu sehen, dann hätte er heute genügend Vorräte gehabt und hätte über das Wetter nur lachen können.
    Die Straße ging in eine gemächliche S-Kurve über, und Gabriel nahm sie vorsichtig. Normalerweise bevorzugte er ein schnelleres Vorankommen, doch der Winter hatte ihm eine gehörige Portion Respekt vor den Bergen und den in sie hineingesprengten Straßen eingeflößt. Das Schutzgeländer war zwar stabil, aber die Felsen, die darunter lagen, verziehen nicht den geringsten Fehler. Er hatte nicht so sehr Angst, selbst einen Fehler zu machen – in dem soliden Jeep konnte ihm nicht viel passieren. Mehr Sorgen machte er sich um die anderen, die möglicherweise zur selben Zeit die Passstraße befahren und an ihrem Rand oder gar in der Mitte gestoppt hatten.
    Er brauchte eine Zigarette. Doch er packte das Lenkrad fester und unterdrückte das Verlangen. Den Luxus würde er sich erst später gönnen. Noch drei Meilen bis zur Hütte.
    Die Anspannung in den Schultern ließ nach. Seit zwanzig Minuten hatte er keinen anderen Wagen mehr gesehen, und wahrscheinlich würde auf dem Rest der Strecke auch keiner mehr auftauchen. Kein vernünftiger Mensch war unter diesen Bedingungen noch unterwegs. Von jetzt an würde er blind nach Hause finden. Er war froh darüber. Neben ihm krächzte das Radio von gesperrten Straßen und abgesagten Veranstaltungen. Gabriel wunderte sich immer wieder, wie viele Tagungen, Essen, Aufführungen und Vorträge die Leute an einem einzigen Tag organisierten.
    Muss wohl in der Natur der Menschen liegen, dachte er. Dauernd zog es sie zueinander, und wenn es nur darum ging, ein paar Kuchen oder Kekse zu verkaufen. Er selbst war lieber allein. Vorläufig jedenfalls. Sonst hätte er sich nicht die Hütte gekauft und sich darin die letzten sechs Monate vergraben.
    Die Einsamkeit gab ihm die Freiheit zum Nachdenken, zum Arbeiten, zum Heilen. Und von allen dreien hatte er etwas geschafft.
    Fast hätte er geseufzt, als er sah – oder besser fühlte –, wie die Straße wieder anstieg. Dies war die letzte Steigung, bevor er abbiegen musste. Nur noch eine Meile. Sein vor Konzentration hartes und straffes Gesicht entspannte sich. Es war kein gefälliges oder sonderlich gut aussehendes Gesicht. Es war zu schmal und kantig, um einfach nur angenehm zu wirken, und die Nase war leicht schief, was Gabriel einer hitzigen Auseinandersetzung mit seinem Bruder in ihren Teenager-Jahren verdankte. Aber Gabriel war nie nachtragend

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