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Wumbabas Vermaechtnis

Titel: Wumbabas Vermaechtnis
Autoren: Axel Hacke , Michael Sowa
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Axel Hacke & Michael Sowa
    WUMBABAS VERMÄCHTNIS
    Drittes Handbuch des Verhörens

    Verlag Antje Kunstmann

Von Hör- und Seeschwachen: Wumbabas Erbe und Vermächtnis
    Manchmal hatte ich in den vergangenen Jahren ein schlechtes Gewissen, Matthias Claudius betreffend: Der Mond ist aufgegangen wird in manchen Häusern nun nicht mehr nur falsch verstanden, sondern gleich gar nicht mehr richtig gesungen. Dieses wunderbare Lied!
    Andererseits schrieb mir Frau F. aus Kleinmachnow, sie habe sich bei der Geburtstagsfeier ihrer 85 Jahre alten, nicht mehr gut hörenden Tante mit einer jüngeren Verwandten unterhalten, während zwischen ihnen beiden die Tante saß. Sie selbst, F. also, habe von einem Buch erzählt, das sie gerade gelesen habe, Der weiße Neger Wumbaba heiße es.
    Darauf die Tante: »Oh, wie schön dieses Lied ist … der weiße Nebel wunderbar!«
    So herum geht es also auch.
    Interessanterweise ist der Schwerhörige im Alltag eine einerseits komische, andererseits bisweilen milde nervende Figur. Warum? Zwei Gründe. Der Grund fürs Komische ist, dass schlechtes Hören immer wieder Grund zu aberwitzigsten Missverständnissen gibt – und das Missverständnis gehört nun mal zu den Grundelementen der Komik. Und der Grund fürs Nervende? Dass die meisten, die schlecht hören, oft bis zum Letzten versuchen, sich selbst und ihre Umwelt darüber hinwegzutäuschen. Wer schlecht sieht, trägt bald eine Brille; mittlerweile machen sich Menschen schon zuBrillenträgern, die sehr gut sehen, weil eine Brille ein schickes Accessoire sein kann. Aber ein Hörgerät? Das versucht man zu vermeiden, bis es nicht mehr anders geht, wer weiß warum!?
    Nun sind die wenigsten, die einen Liedtext falsch verstehen, schwerhörig; meist liegt das Problem beim Sänger oder bei den Sprachkenntnissen, oft ist es auch nur so, dass man sich an den Text eines Liedes nicht mehr recht erinnert, es aber trotzdem singen möchte. Dann singt man aus der Erinnerung.
    Aber peinlich ist es den meisten immer noch, etwas falsch verstanden zu haben. Es ist eine Fehlleistung, und Fehlleistungen sind in einer Leistungsgesellschaft unangenehm. Umso wunderbarer ist Wumbabas Existenz: eine Instanz, vor der man seinen Irrtum leichten Sinnes eingestehen kann. Sein Vermächtnis lautet: Wumbaba verurteilt nicht. Wumbaba lacht. Denn Wumbaba weiß: Was die Menschen am meisten eint, sind ihre Fehler. Und wenn Fehler so komisch oder so poetisch oder, im besten Fall, so poetisch-komisch sind wie hier, dann gibt es keinen Grund, über Fehler nicht zu reden. Im Gegenteil.
    Weil wir von den Brillenträgern sprachen: Frau B. aus Chemnitz schrieb mir, sie sei in der DDR groß geworden. Dort habe es morgens eine Kinderhörfunksendung namens Der kleine Pfennig gegeben, danach eine Sendung für Erwachsene, in der Geburtstagswünsche veröffentlicht wurden. In dieser Sendung grüßte man, so verstand das die kleine B., oft »die Blinden und Seeschwachen«, die in Heimen zusammenlebten. Erst spät, so B., habe sie begriffen, dass es um »Sehschwache« ging, aber da war das Wort »seeschwach« schon in der Welt.

    Ich finde, wie B., vor allem das Zusammenleben von Blinden und Seeschwachen sehr schön. Auf einem Schiff könnten Blinde denSeeschwachen helfen, später im Heim (tief im Binnenland) im Gegenzug die Seeschwachen den Blinden zur Hand gehen, das ist gut. Mir fällt eine E-Mail von Frau H. aus Seeheim (tatsächlich, Seeheim) ein, die in einem Vorabdruck des Romans Seelen (nicht: Sehlen) von Stephenie Meyer einen geheimnisvollen »Sehtang« entdeckte, der durch die Welt irrt, »wahrscheinlich auf der Suche«, schreibt H., »nach seinen Brüdern Hörtang, Riechtang, Schmecktang und Tasttang«. Wenn man sich vorstellt, im Meer zu stehen, und plötzlich beäugt einen neugierig ein Sehtang…
    Gelegentlich höre ich, es gebe Leute, die dächten, ich würde solche Briefe erfinden. Einerseits ehrt mich das: Welche Phantasie mir zugetraut wird! Andererseits bin ich ärgerlich: Wenn ich die Briefe erfunden hätte, würde ich es sagen. Ich habe sie aber nicht erfunden, nicht einen einzigen. Bloß nenne ich immer nur die Anfangsbuchstaben der Briefschreiber, weil ich nicht weiß, ob jeder mit vollem Namen und Wohnort in einem Buch stehen möchte. In diesem Büchlein hier lasse ich in manchen Fällen auch die Initialen weg, meistens weil ich den entsprechenden Verhörer von mehreren Lesern gleichzeitig bekam, oft aber auch der besseren Lesbarkeit wegen. Großer Dank all jenen, die mir

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