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Wolkengaukler

Wolkengaukler

Titel: Wolkengaukler
Autoren: Anett Leunig
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    CHRISTOPH
     
     
     
     
     
    I
    Hitze. Dumpfe, lähmende Schwüle. Staub, der im gleißenden Sonnenlicht tanzte, sich in trägen Wirbeln in die Höhe schraubte, wie in einem unendlichen Reigen, im Takt der dumpfen Schläge, die von den Rädern unter dem Zugwaggon bis an meine müden Ohren drangen.
    Es roch nach Schweiß und kaltem Zigarettenrauch. Weiter vorne aß irgend jemand eine Currywurst. Die junge Frau hinter mir pustete schon seit einer Ewigkeit immer wieder geduldig in den Plastikbecher in ihren Händen, um den dampfenden, viel zu heißen Kaffee darin abzukühlen. Dabei blies sie mir den Kaffeedampf direkt in den Nacken, aber ich rührte mich nicht. Ich konnte es sowieso nicht ändern. Und Kaffeegeruch war immer noch besser als Currywurst. Von all den verschiedenen Gerüchen um mich herum, von der drückenden, stickigen Schwüle wurde mir langsam, aber sicher schlecht.
      Das hatte man nun davon, wenn man noch zu jung für den eigenen Führerschein war. Da blieb einem nur der Zug, umständlich und einsam, und bis nach München war es eine lange Fahrt. Dorthin war ich gerade unterwegs, und ich war erst am Anfang meiner Reise.
    Ich saß in der Regionalbahn nach Braunschweig, in einem überfüllten Abteil, eingequetscht zwischen zwei älteren, schwitzenden und trotzdem munter und unermüdlich miteinander schwatzenden Damen. Es war Juli, vielleicht der heißeste Tag des Jahres, und ich war unglücklich. Nachher im ICE würde es vielleicht etwas angenehmer werden, aber bis dahin musste ich in dieser Kiste hier noch eine ganze Weile ausharren.
    Am schlimmsten war vielleicht die Tatsache, dass ich unglücklich war.  Unglücklich und ziemlich orientierungslos.
    Bis hierher war es keine angenehme Zeit gewesen, kein angenehmes Jahr und kein angenehmer Schuljahresabschluss. Mein Zeugnis war so schlecht gewesen wie noch nie, und zum ersten Mal hatte ich mich kaum nach Hause getraut. Draußen hinter den milchigen, zerkratzten Plastikfenstern glitt die Landschaft in der flirrenden Sommerhitze vorüber, aber ich nahm sie kaum wahr. Vor meinem inneren Auge glitten die Bilder der letzten Tage vorbei, gestochen scharf, unangenehm und nicht so ohne weiteres auszublenden. Es war, als säße ich in einem imaginären Kino und sähe meinen eigenen Film, in der Hauptrolle: Jannek Kiebel, kurz: Jann, sechzehn Jahre (in zwei Monaten siebzehn), Schüler, versetzungsgefährdet und auch sonst ziemlich am Rande des Abgrundes. Keine Komödie, eher eine Tragödie. Die hatte kein Happy End, auch wenn die Auflösungen in den klassischen Tragödien meistens genau so unrealistisch waren wie in den Hollywoodfilmen.
    Ich hatte meine Eltern relativ unsanft und schlecht vorbereitet mit meinem miserablen Zeugnis konfrontiert. Genau gesagt hatte ich es ihnen einfach kommentarlos vorgelegt und innerlich abgeschlossen.
    Meine Mutter war vor Entsetzen bleich geworden und hatte mich vorwurfsvoll angeschaut. Mein Vater hatte es nach eingehendem Studium nur wortlos auf den Tisch geknallt, sein Jackett zurückgeschoben, die Hände in die Hosentaschen geschoben und mit dem Rücken zu mir aus dem Fenster gestarrt. Selbst bei dieser Hitze trug er einen Anzug und ein blütenweißes Hemd. Das flößte mir zwar Respekt ein, aber nicht unbedingt Achtung. Eher ein bisschen Mitleid. Weil er sich nicht öffnen konnte. Immer sauber, penibel, hoch geschlossen.
     Ich sah, wie sich seine Schultern unter seinen tiefen Atemzügen leicht hoben und senkten. Gegen das Licht betrachtet hatte Vaters schlanke, hochgewachsene Gestalt geradezu etwas Majestätisches, zumindest Unnahbares. Trotz seiner mittlerweile fünfundvierzig Jahre war er noch immer gut in Form, obgleich sein dunkelblondes Haar an den Stirnansätzen langsam zurückwich und sich an den Schläfen erste graue Strähnen zeigten. Sein kantig geschnittenes Gesicht blieb mir verborgen, ich konnte ihm weder in die Augen schauen, noch sonst eine Gefühlsregung bei ihm ausmachen. Geschlagene fünf Minuten sagte er kein Wort. Nichts zu sagen ist für mich die schlimmste aller Strafen, aber ich traute mich auch nicht, das Schweigen zu brechen. Ziemlich verloren stand ich mitten im Wohnzimmer und sah sechs lange, einsame, trostlose Ferienwochen vor mir.
    Schließlich hörte ich seine Stimme, sie klang irgendwie kalt und mühsam beherrscht: „Deine Chemienote ist unter aller Würde, von Mathematik rede ich gar nicht erst. Ich dachte, wir wären uns einig gewesen, was deine Zukunft betrifft.“ Er drehte sich zu

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