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Wolfskinder - Lindqvist, J: Wolfskinder - Lilla stjärna: Wolfskinder

Wolfskinder - Lindqvist, J: Wolfskinder - Lilla stjärna: Wolfskinder

Titel: Wolfskinder - Lindqvist, J: Wolfskinder - Lilla stjärna: Wolfskinder
Autoren: John Ajvide Lindqvist
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1
    Im Herbst 1992 gab es Gerüchte über eine explosionsartige Pilzschwemme in den Wäldern; dank des feuchten und warmen Spätsommers seien die Pfifferlinge und Semmelpilze aus den unterirdischen Myzelien hervorgeschossen. Als Lennart Cederström mit seinem Volvo 240 in den Waldweg einbog, hatte er einen großen Korb dabei sowie ein paar Plastiktüten auf dem Rücksitz. Für alle Fälle.
    Eine Kassettenaufnahme der Kuschelsongs 16 von den Vikingern lief im Autoradio und Christer Sjögrens Stimme donnerte aus der Lautsprecheranlage: »Zehntausend rote Rosen schenk ich dir …«
    Lennart grinste hämisch und sang den Refrain mit, imitierte Sjögrens affektiertes Bass-Vibrato. Es klang ausgezeichnet. Es klang fast genauso. Lennart war wahrscheinlich ein besserer Sänger als Sjögren, aber was hatte er davon? Er war zu oft zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen, hatte erlebt, wie ihm die Chance seines Lebens vor der Nase weggeschnappt worden oder wie sie hinter seinem Rücken vorbeigezischt war. Als er sich umgedreht hatte, war sie schon verschwunden gewesen.
    Wie auch immer. Seine Pilze würde er bekommen. Pfifferlinge, das Gold des Waldes, in riesigen Mengen. Dann nach Hause, abbrühen, die Kühltruhe vollpacken. Dann hatte er genug für ein Pilzbrot mit Bier an jedem verdammten Abend, bis der Weihnachtsbaum rausfliegen würde. Nach ein paar Regentagen hatte einige Tage lang die Sonne gestrahlt. Die Voraussetzungen waren ideal.
    Lennart kannte jede Krümmung des Waldwegs, er kniff die Augen zusammen und klammerte sich an das Lenkrad, während er schmetterte: »Zehntausend rote Rosen in einem Strauuuuuß …«
    Als er die Augen wieder öffnete, sah er etwas Schwarzes vor sich auf der Straße. Ein Sonnenstrahl wurde von einem Stück blanken Metalls reflektiert, und Lennart konnte gerade noch ausweichen, bevor es auch schon vorbei war. Ein Auto. Lennart warf einen Blick in den Rückspiegel, um sich das Kennzeichen zu merken, aber der Wagen fuhr mindestens achtzig auf dem Schotterweg und wirbelte eine Staubwolke hinter sich auf. Lennart war sich trotzdem ziemlich sicher, dass es ein BMW war. Ein schwarzer BMW mit getönten Scheiben.
    Lennart fuhr noch dreihundert Meter weiter, bis er zu der Stelle kam, wo er immer parkte, zog den Zündschlüssel und atmete durch.
    Was zum Teufel war das denn gewesen?
    In dieser Ecke war ein BMW keine Alltäglichkeit. Ein BMW, der mit achtzig über den Schotterweg aus dem Wald bretterte, war ein einzigartiges Ereignis. Lennart fühlte sich aufgeputscht. Er hatte etwas erlebt. In dem Augenblick, als die schwarze Karosse auf ihn zugerauscht war, hatte sein Herz einen Sprung gemacht und sich wie vor einem drohenden tödlichen Schlag zusammengekauert, um sich danach wieder auseinanderzuwickeln und zur Ruhe zu kommen. Was für ein Erlebnis.
    Nur eines ärgerte ihn. Er konnte keine Anzeige erstatten. Wahrscheinlich hätte er sogar auf das Pilzesammeln verzichtet für das Vergnügen, nach Hause fahren und die Polizei anrufen zu können, um ihr in allen Details von seiner Begegnung auf der mit Tempo 30 beschilderten Straße zu berichten. Aber ohne ein Autokennzeichen war eine Anzeige verlorene Liebesmüh.
    Als Lennart aus dem Auto stieg und seinen Korb und die Tüten nahm, war die vorübergehende Erregung wieder abgeklungen, und stattdessen machte sich das Gefühl in ihm breit,dass er gezwungen worden war, sich zu ducken. Wieder einmal. Der schwarze BMW hatte auf eine ominöse Art gewonnen . Vielleicht wäre es etwas anderes gewesen, wenn es sich um einen ramponierten Saab gehandelt hätte, aber es war nun mal ein richtiges Neureichenauto gewesen, das Staub über seine Windschutzscheibe geblasen und ihn über den Straßenrand gedrängt hatte. Wie üblich.
    Lennart schlug die Tür hinter sich zu und ging mit gesenktem Kopf auf den Wald zu. Durch die feuchte Erde im Schatten der Bäume zog sich eine frische Reifenspur. Eine Vertiefung und aufgeworfener Lehm zeigten, dass hier ein Auto mit durchdrehenden Reifen gestartet war. Die Schlussfolgerung, dass es sich dabei um diesen BMW gehandelt hatte, lag nahe. Lennart betrachtete die breite Reifenspur, als ob sie ihm einen Beweis oder einen neuen Anklagepunkt liefern könnte. Ihm fiel nichts dazu ein. Stattdessen spuckte er in die Spur.
    Lass es sein.
    Er ging ein paar Schritte in den Wald hinein und hielt inne, sog den Geruch sonnenwarmer Nadeln ein, den Duft von dumpfigem Moos und – irgendwo dahinter verborgen – den von Pilzen. Er konnte ihn

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