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Wolfgang Hohlbein -

Wolfgang Hohlbein -

Titel: Wolfgang Hohlbein -
Autoren: Der Inquisito
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1
    Er hatte drei Tage gebraucht für den Weg von Lübeck bis Buchenfeld - zwei weniger, als er veranschlagt hatte, denn recht häufig war er von freundlichen Menschen mitgenommen worden; von Fall zu Fall auf einem Fuhrwerk oder auf der gepolsterten Bank einer Kutsche - einmal sogar auf einem Ochsen, der die Gestalt in der Kutte mißtrauisch aus seinen dunklen Augen gemustert hatte. Tobias mochte keine gehörnten Wesen, und daß er ein gebildeter Mann war und sich zeit seines Lebens einzureden versucht hatte, diese Aver-sion sei nichts als Aberglaube, hatte an dieser Abneigung nichts geändert. Ganz im Gegenteil wurde sie schlimmer, je älter er wurde. Manchmal ertappte er sich dabei, ganz instinktiv im Schritt zu verharren, wenn er nur eine Ziege sah oder eine harmlose Kuh.
    Aber der Ochse hatte ihn weder abgeworfen, um ihn zu Tode zu trampeln, noch ihn mit seinen langen gebogenen Hörnern aufgespießt, statt dessen war Tobias wieder ein Stück des Weges auf recht bequeme Art und Weise vorange-kommen.
    Überhaupt konnte sich Pater Tobias nicht über sein
    Schicksal beklagen, seit er das Dominikanerkloster in Lübeck verlassen hatte.
    Er hatte die Heerstraße genommen, so war er vielen Menschen begegnet und nicht in die Verlegenheit gekommen, auch nur eine Nacht unter freiem Himmel zu verbringen.
    Nur ein einziges Mal war er von schlechtem Wetter überrascht worden, und selbst da hatte er bei einfachen, aber freundlichen Leuten Unterschlupf gefunden, noch ehe der strömende Regen seine Kutte ganz durchnässen konnte.
    Zum Glück war er auch von Räubern und Ketzern ver-
    schont geblieben. Zugegeben, er hatte ein wenig nachgehol-fen, indem er bestimmte Orte nicht aufsuchte und manchmal den einen oder anderen Blick nicht registrierte oder beim Anblick einer zerlumpten Gestalt ein wenig rascher voranschritt. Der geheime Fluch seiner Kutte, deren Anblick 5
    die Menschen meistens dazu brachte, sich an all ihren Schmerz und alle erlittene Unbill zu erinnern, war zumindest auf dieser Reise an ihm vorübergegangen. Einmal hatte er eine Teufelsaustreibung ausgeführt, aber der Besessene war kein schwerer Fall gewesen: ein neugeborener Knabe, dessen Seele nur vorbeugenden Schutzes bedurfte, niemand, der wirklich vom Teufel besessen war.
    Nur ein einziges Mal hatte er Angst verspürt - als er nicht der Straße folgte, sondern einen Pfad durch den Eichenwald nahm. Tobias hatte eine Menge über diesen Wald gehört, der ein Stück südlich von Lüneburg begann. Dämonen sollten darin wohnen, und Teufel, Hexen ihr Unwesen treiben und Irrlichter den unvorsichtigen Wanderer des Nachts im Kreis führen, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach. Er glaubte wenig von alledem. So hatte er dann, nachdem er das geschäftige Lüneburg hinter sich gelassen hatte, einen letzten Blick auf seinen Schatten geworfen und war aus purer Neugier geradewegs in den Wald hineinmarschiert.
    Nicht lange darauf hatte er diesen Entschluß bereits bitter bereut. Pater Tobias glaubte nicht an Dämonen und Teufel
    - nicht in der Art, in der es das einfache Volk tat. Aber in diesem Wald hatte er sie kennengelernt. Unter den Kronen der uralten Eichen - einige davon mochten älter sein als die Stadt, aus deren Mauern er vor drei Tagen losgewandert war
    - wurde es niemals richtig Tag, so daß es nur wenig Unterholz gab: einige Farne, bleiches Moos und Pilze, die sein kundiges Auge fast allesamt als giftig erkannte. Wie er gehofft hatte, kam er im Inneren des Waldes rascher und bequemer voran als auf der Straße. Die Bresche, die Men-schenhand in den Forst geschlagen hatte, hatte auch der lebensspendenden Kraft der Sonne den Weg geebnet, so daß Unkraut und Dornen rechts und links des Weges wucherten und nur zu oft grüne Ranken wie Fallstricke in die Spur hin-einragten, was ihn zwang, fast ununterbrochen mit gesenktem Haupt zu marschieren, um nicht zu stolpern. Außerdem brannte im dichten Wald die Sonne hier nicht so unerbittlich vom Himmel.
    Und trotzdem . . .
    6
    Zuerst war es nur ein Gefühl, ein schwer zu greifendes Unbehagen, wie die Berührung einer fremden Hand, die unangenehm war, ohne daß man sagen konnte, warum. Es war kühl im Wald. Die ewige Dämmerung und die tiefe Stille, die Stämme der uralten Eichen, manche so mächtig, daß drei Männer sie mit ausgestreckten Armen nicht hätten umfassen können, und ihre mächtigen Kronen, die sich über seinem Kopf zu einem Dach vereinigten - alles ließ ihn spü-
    ren, wie schön und zugleich rätselhaft Gottes

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