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Wolf unter Wölfen

Wolf unter Wölfen

Titel: Wolf unter Wölfen
Autoren: H Fallada
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7
    Trotz der frühen Morgenstunde ist im Bayerischen Viertel zu Berlin in der Wohnung der Gräfin Mutzbauer die Zofe Sophie schon wach. Ihre Kammer, die sie mit der noch tief schlafenden Köchin teilt, ist so schmal, daß außer für die zwei Eisenbetten nur noch Platz für zwei Stühle ist – so schreibt sie auf dem Brett des geöffneten Fensters ihren Brief.
    Sophie Kowalewski hat schön gepflegte Hände, doch führen sie den Bleistift nur ungeschickt. Grundstrich, Haarstrich, Häkchen, Komma, Haarstrich, Grundstrich … Ach, sie möchte so vieles sagen …: wie er ihr fehlt, wie die Zeit nicht vergehen will, fast noch drei Jahre und kaum erst ein halbes herum … Aber es wird nichts; Gefühle in Geschriebenes umzusetzen, hat Sophie Kowalewski, Tochter des Leutevogts Kowalewski in Neulohe, nicht gelernt. Ja, wenn er hier wäre, wenn es sich um Sprechen handelte, um eine Berührung –! Sie könnte alles ausdrücken, sie könnte ihn mit einem Kuß wild machen, mit einem leisen Anfassen glücklich … Aber so!
    Sie starrt vor sich hin. Ach, sie möchte es ihn spüren lassen in diesem Brief! Aus der Fensterscheibe sieht sie mattfarbig eine zweite Sophie an. Unwillkürlich lächelt sie ihr rasch zu. Ein paar Löckchen haben sich gelöst, hängen dunkel in die Stirn. Die Schatten unter den Augen sind auch dunkel. Sie müßte sich wieder einmal die Zeit nehmen, gründlich auszuschlafen – aber gibt es denn Schlafenszeit in dieser Zeit, wo alles so merklich verrinnt, kaum da es deutlich wurde –? Alles zerfällt, nutze die Minute, heute lebst du noch, Sophie!
    Sie mag morgens noch so müde sein, die Füße brennen, der Mund schmeckt schal nach all den Likören, dem Wein, den Küssen – am Abend zieht es sie doch wieder in eine der Bars. Tanzen, trinken und toben! Kavaliere genug, lappig wie ihr Geld, Hunderttausende, fünfzigfacher Zofenlohn, losein einer Jackettasche. Sie ist auch letzte Nacht mit einem von den Kavalieren mitgegangen – was kommt es darauf an? Die Zeit rinnt, läuft, jagt. Vielleicht sucht sie auch Hans, den für dreiundeinviertel Jahr verlorenen Hans (Hochstapelei), in all den immer wiederholten Umarmungen, in all den Gesichtern, die sich über das ihre neigen, so gierig-ruhelos wie das ihre … Aber den Hans, strahlend, rasch, allen überlegen, gibt es kein zweites Mal!
    Sophie Kowalewski, der harten Arbeit auf einem Rittergut entflohen, sucht in der Stadt – sie weiß nicht was, irgend etwas, das sie noch härter anfassen wird. Einmalig ist dieses Leben, vergänglich; wenn wir tot sind, sind wir so lange tot; und wenn wir alt sind, schon, wenn wir über fünfundzwanzig sind, sieht uns keiner mehr an. Hans, ach Hans … Sie trägt das Abendkleid der Gnädigen, es ist schnurz, ob die Köchin es sieht. Was die bei den Lieferanten Schmu macht, klaut sie an Seidenstrümpfen und Seidenwäsche. Keine hat der andern etwas vorzuwerfen. Es ist gleich sieben, schnell noch den Schluß … »Und verbleibe ich mit heißen Küssen Deine Dich ewig liebende Braut Sophie …«
    Sie legt keinen Wert auf das Wort Braut, sie weiß auch gar nicht, ob sie das möchte, ihn heiraten, aber sie muß es schreiben, damit sie ihm im Zuchthaus den Brief auch aushändigen.
    Und der Zuchthausgefangene Hans Liebschner wird den Brief seiner Braut erhalten, er gehörte nicht zu denen, die wegen zu wilden Gebrülls in eine Arrestzelle gebracht worden waren. Nein, trotzdem er kaum erst ein halbes Jahr im Zuchthaus Meienburg wohnte, war er ganz gegen alle Hausordnung schon zum Kalfaktor aufgerückt und hatte es verstanden, mit besonderer Überzeugung von Erntekommandos zu reden. Das konnte er, er wußte: Neulohe lag nicht weitab von Meienburg, und Neulohe war die Heimat einer süßen Puppe, namens Sophie …
    Ich werde das Kind schon schaukeln, dachte er.

8
    Das Mädchen war erwacht.
    Den Kopf in die Hand gestützt, lag es und sah nach dem Fenster hinüber. Die gelblichgraue Gardine bewegte sich nicht. Das Mädchen glaubte die riechende Hitze vom Hof her zu spüren. Es schauderte leicht.
    Dabei sah es an sich herunter. Nicht, daß es vor Kälte geschaudert hatte – es hatte wegen der häßlichen Hitze, wegen des üblen Geruches geschaudert. Es sah seinen Leib an; der Leib war weiß und fehlerlos; man mußte sich wundern, daß in einer Luft, die wie zersetzt, wie faulig war, etwas so fehlerlos bleiben konnte!
    Das Mädchen hatte keinen genauen Begriff, welche Zeit es war, nach den Geräuschen konnte es neun oder zehn oder auch elf

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