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Wofuer wir kaempfen

Wofuer wir kaempfen

Titel: Wofuer wir kaempfen
Autoren: Tino Kaeßner , Antje Kaeßner
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Der Anschlag
    Mein Mann Tino Käßner ist Soldat im Einsatz in Afghanistan, als er am 14. November 2005 gegen 14 Uhr 30 den Motor seines gepanzerten Geländewagens startet.
    Der Himmel über der afghanischen Hauptstadt Kabul ist strahlend blau; kein Smog, kein Staub, der sonst die ganze Stadt überzieht und in jede Ritze dringt. 25 Grad Wärme – ein Hauch von Frühling liegt wie ein Versprechen für eine bessere Zukunft über dieser geschundenen Stadt.
    Zusammen mit seinem Kommandoführer, Hauptfeldwebel Stefan Deuschl, und Oberstleutnant Armin Franz verlässt Tino die schwer bewachte deutsche Militärbasis der deutschen ISAF-Truppen, Camp Warehouse, am östlichen Stadtrand von Kabul. Es ist eine Routinefahrt. Sie sind ohne Begleitschutz unterwegs in einem gepanzerten Mercedes-Geländewagen vom Typ Wolf. Knapp 15 Minuten später wird die Bombe eines Selbstmordattentäters ihr Fahrzeug zerreißen und mein Mann wird mit dem Tod ringen.
    Ich sitze zu dieser Zeit bei einer Tasse Kaffee über einer Präsentation in einer Münchner Werbeagentur. Wegen der Zeitverschiebung zwischen Kabul und München ist es 11 Uhr Vormittag. Tino und ich sind seit knapp zwei Jahren ein Paar, für kommenden Mai ist unsere Hochzeit geplant. Er ist Personenschützer bei den Feldjägern im oberbayerischen Murnau und seit vier Wochen in seinem dritten Auslandseinsatz in Afghanistan – zusammen mit seinem Kommandoführer und Freund Stefan Deuschl.
    Violetta Deuschl, Stefans Ehefrau, hat morgens ihre beiden Söhne Robin und Henry in die Schule nach Garmisch-Partenkirchen gebracht und sortiert jetzt in einer Garmischer Rechtsanwaltskanzlei Gerichtsakten für ihre Chefin. Am Sonntag
konnten sie und die Kinder kurz mit Stefan telefonieren. Das ist ein festes Ritual; den neun und elf Jahre alten Söhnen soll die Stimme ihres Vaters vertraut bleiben, auch wenn er monatelang im Ausland ist. Auch Vio, wie Stefan seine Frau nennt, gibt seine Stimme Sicherheit, vertreibt die Unruhe, die sie zum ersten Mal gespürt hat, als sie ihren Mann zu diesem Einsatz nach Kabul verabschiedet hatte.
    Es ist ein typischer Montagmorgen im November. Zu Wochenbeginn hängt eine dichte Nebeldecke über Bayern, mit Sprühregen und Temperaturen um die 14 Grad. Dasselbe Wetter in Dresden, 460 Kilometer entfernt. Dort sitzt meine Mutter Ilona im Liegenschaftsamt der Elbestadt über einer Grundstücksakte. Mein Vater ist mit seinem Taxi auf Tour. In der kleinen Versicherungsagentur in Chemnitz bespricht Tinos Mutter mit einer Kundin einen Versicherungsantrag und seine Schwester Heike bereitet einen Patienten im Unfallkrankenhaus Murnau auf seine OP vor. Wir alle gehen an diesem Montagmorgen in unserer Tagesroutine auf und sehen mehr oder minder gut gelaunt einer neuen Arbeitswoche entgegen. Was keiner von uns ahnt: Die Geschehnisse der kommenden Stunden werden uns alle komplett aus der Bahn werfen und unser Leben verändern.
     
    Dabei scheint auch in Kabul alles ruhig. In der Morgenbesprechung, so Tino und Stefan später, hatte der Kompaniechef nichts Beunruhigendes berichtet. Keine besondere Gefahrensituation, bei der sonst Fahrten aus dem Lager auf das Notwendige reduziert oder völlig eingestellt werden. Keine Meldungen von Sprengstoffanschlägen, Schießereien oder Raketenbeschuss. Die Lage in Kabul war seit Wochen ruhig. Die Hoffnung, dass sich die Gefahr von Anschlägen weiterhin verringert hatte, schien berechtigt.

    Schicksalhafte Ereignisse
    Das war schon mal anders. Ein knappes halbes Jahr zuvor, im Juni 2005, hatte es den letzten großen Anschlag auf die deutschen Einsatztruppen gegeben. In jenem Juni stand Tino mitten in seinen Vorbereitungen für seinen dritten Auslandseinsatz als Feldjäger in Kabul, der wieder vier Monate dauern sollte.
    Die Einsatzvorbereitungen bei den Feldjägern an Tinos Standort in Murnau laufen seit Wochen auf Hochtouren. Fahrtraining, Schießübungen und taktische Schulungen stehen auf dem Programm. Tino kennt Kabul ja bereits aus vorausgegangenen Einsätzen und bringt wertvolle Erfahrungen im Training ein. Auch Stefan Deuschl hat schon mehrere gefährliche Auslandseinsätze erfolgreich hinter sich gebracht, auf dem Balkan. Er ist Kommandoführer aus Leidenschaft und ein sehr erfahrener, umsichtiger Soldat. Als Stefan Tino fragt, ob er mit nach Kabul will, sagt Tino erfreut zu. Stefan Deuschl ist sein Vorbild – und allein die Tatsache, dass er Tino in seinem Team haben will, kommt einer Beförderung gleich. Die beiden sind

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