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Wo ich zu Hause bin

Wo ich zu Hause bin

Titel: Wo ich zu Hause bin
Autoren: Anselm Gruen
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Einleitung
    D as Wort »Heimat« hat im Deutschen einen eigenen Klang. Da schwingt das Gefühl von Geborgenheit mit. Und das Wort Heimat weckt die Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich daheim sein kann, an dem ich so sein kann, wie ich bin, an dem ich angenommen bin, geliebt bin, an dem ich mit meinen Wurzeln in Berührung bin. Dieses emotional aufgeladene Wort kann natürlich auch missbraucht werden. Im Dritten Reich haben die Nazis das Wort instrumentalisiert, um die Soldaten zu motivieren, für die Heimat zu sterben. Die Heimat wurde als das Kostbarste geschildert, das der Mensch besitzt. Heimat wurde so verklärt, dass es sich lohnt, für sie zu sterben.
    Für mich persönlich hatte Heimat immer einen guten Klang. Ich habe mein Zuhause in einem Vorort von München als Heimat erlebt. Als ich dann mit zehn Jahren ins Internat ins fränkische Münsterschwarzach kam, da hatte ich zuerst Heimweh. Und das Heimweh hat die Heimat noch wichtiger werden lassen. Wenn wir dreimal im Jahr in den Ferien nach Hause fuhren, war das für mich immer mit großer Vorfreude und innerer Spannung verbunden. Seit 46 Jahren bin ich jetzt im Kloster. So ist das Kloster für mich Heimat geworden. Wenn ich heute sage, ich fahre heim, meine ich das Kloster. Der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, löst zwar noch einGefühl von Vertrautsein aus. Aber es ist nicht mehr die eigentliche Heimat. Je älter ich werde, desto weniger ist Heimat für mich ein Ort. Auf meinem spirituellen Weg habe ich die Heimat in mir selbst gesucht und sie letztlich in Gott gefunden. Die Beheimatung im Glauben relativiert das Heimatgefühl, das an einen Ort gebunden ist.
    Als im Gespräch mit dem Lektor des Kreuz-Verlags, Herrn Hartmann, die Idee aufkam, etwas über Heimat zu schreiben, spürte ich sofort einen inneren Impuls dazu. So habe ich mich über ein Jahr lang mit dem Thema beschäftigt. Am Anfang war meine Beschäftigung eher akademisch. Ich las, was Schriftsteller, Philosophen, Theologen und Psychologen dazu geschrieben haben. Aber dann wurde das Thema auf einmal existenziell. Es tauchte immer mehr in Begleitungsgesprächen auf. Da erzählten Menschen, dass sie nicht nur die äußere, sondern auch die innere Heimat verloren haben, dass sie sich heimatlos fühlen, sich verloren haben. Sie wissen nicht mehr, wer sie sind und wohin sie gehören, was sie trägt und wo sie Geborgenheit finden könnten. Ich spürte, dass die Suche nach der Heimat heute ein Thema ist, das viele Menschen beschäftigt. Und es ist ein Thema, auf das die Religion, auf das die christliche Tradition schon immer eine Antwort zu geben versuchte. Aber zugleich wurde mir auch wichtig, heute anders über Heimat zu schreiben, als es die vielen Heimatromane oder Heimatfilme tun. Es geht nicht darum, einer Heimatromantik nachzutrauern, sondern darum, für uns heute in einer unübersichtlichen und mobilenWelt über Heimat nachzudenken. Was bedeutet uns heute Heimat? Welches Gefühl ist damit verbunden? Wo sind wir daheim? Sind es Orte, sind es Menschen, ist es der Glaube, ist es der Freundeskreis? Oder aber ist es die Sprache, die Musik oder ein Buch, das wir lesen?
    Neulich erzählte mir eine Frau, dass sie sich daheim fühlt, wenn sie in aller Ruhe ein Buch liest. Über diese Aussage habe ich nachgedacht. Inwieweit kann ein Buch Heimat bieten? Wir verbinden mit Heimat normalerweise einen Ort, an dem wir leben. Ein Buch ist kein Ort. Und dennoch tauchen wir im Lesen in eine eigene Welt ein. Manche haben als Kinder leidenschaftlich gern gelesen. Sie haben sich in jeder freien Minute in ihr Zimmer zurückgezogen und gelesen. Oder sie haben im Bett noch lange gelesen und mussten ihr Lesen vor dem Vater oder der Mutter verstecken. Im Lesen sind sie in eine andere Welt eingetaucht. Sie haben in den Büchern eine Gegenwelt zu der ihren entdeckt, in der sie sich nicht daheim gefühlt haben. Die Familie, die Umgebung, das Dorf, das Milieu, in dem sie aufgewachsen sind, war ihnen nicht Heimat. In den Büchern haben sie etwas entdeckt, was für sie Heimat ist: Da sind sie in eine Welt eingetaucht, die ihren eigenen Gedanken und Träumen entsprach. Und weil ihr Herz angerührt war, fühlten sie sich in Büchern daheim. So ist für viele Menschen, die ihre kirchliche Heimat verloren haben, in unserer säkularen Welt das religiöse Buch zur Heimat geworden. Manche erzählen mir, dass sie beim Lesen das Gefühl haben, dieses Buch sei nur für sie geschrieben. Sie erleben im Buch ihre innere Heimat. Siekommen in

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