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Wir vom Brunnenplatz

Wir vom Brunnenplatz

Titel: Wir vom Brunnenplatz
Autoren: Christine Fehér
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Umzug zum Brunnenplatz

    Ich heiße Olli, bin zehn Jahre alt und wohne in der coolsten Gegend der ganzen Stadt - in einem Hochhaus am Brunnenplatz, im achten Stockwerk. Noch lieber würde ich im zwölften Stock wohnen, das ist in unserem Haus die oberste Etage, aber da war keine Wohnung mehr frei, als wir in der vorletzten Sommerferienwoche eingezogen sind.
    »Zum Glück.« Meine Mutter pfeffert ihren Wischlappen zurück in den Wassereimer. »Mir genügt die achte Etage vollkommen. Beim Fensterputzen komme ich mir immer vor wie eine Hochseilakrobatin. Bloß gut, dass ich schwindelfrei bin.«
    Dasselbe hat sie neulich am Telefon zu ihrer Freundin Sabine gesagt.
    »Also ich könnte das nicht«, hat die geantwortet. »Nur Mauern um mich herum sehen und meine Kinder in so einer Betonwüste aufwachsen lassen. Da würde ich lieber woanders Abstriche machen.«
    »Es hat auch jede Menge Vorteile«, meinte Mama. »Gerade für die Kinder. Und ob du es glaubst oder nicht: Wir wohnen gerne in der Stadt. Außerdem muss man dahin ziehen, wo die Arbeit ist.«
    Ich weiß genau, was sie damit meint. Papa hat es meiner Schwester Emma, die acht ist, und mir erklärt. Er hat eine neue Stelle angenommen, aber die ist zu weit von unserer alten Gegend weg, um jeden Tag hin- und herzufahren. Also hat er im Internet nach einer neuen Wohnung gesucht und die am Brunnenplatz gefunden.
    »Das packt ihr doch locker«, hat er gemeint und Emma und mir die Haare durchgewuschelt. »Wer so gut drauf ist wie ihr, kann überall Spaß haben, oder?«
    Emma hat natürlich ein bisschen geheult, vor allem wegen ihrer besten Freundin Lisa, die sie nun nur noch am Wochenende oder in den Ferien besuchen kann. Und auch ich war traurig wegen meiner Freunde in unserer alten Gegend, vor allem wegen Freddie. Ihn würde ich am meisten vermissen. Freddie kommt aus Ghana in Afrika und hat immer verrückte Ideen, was man so spielen kann, und seine Mutter hat immer mein Lieblingsessen gekocht, wenn ich da war: Bananensuppe mit Mais. Aber weil ich ja schon zehn bin, habe ich so getan, als ob mir das alles nichts ausmacht, und an dem Abend sogar noch ganz lange mit Emma am Computer gespielt, damit sie nicht dauernd daran denkt, wie sehr sie Lisa vermissen wird. Sie hat gesagt, dass sie ihr gleich einen Brief schreiben werde, wenn wir eingezogen sind, und dann haben wir über was anderes geredet.
    Ein paar Wochen später hat Papa einen Lkw gemietet, und dann sind wir hergezogen, in das Hochhaus Brunnenplatz 10. Ich dachte, dass das ja gut passt mit der Hausnummer 10, weil ich doch zehn Jahre alt bin, und wenn Emma übernächstes Jahr zehn wird, passt es immer noch.
    Während Mama mit Emma beim Hausmeister im ersten Stock geklingelt und den Wohnungsschlüssel abgeholt hat, habe ich Papa und seinen Sportkumpels beim Ausladen geholfen und festgestellt, wie praktisch ich so einen Fahrstuhl finde.
    »Siehst du«, hat Papa geantwortet und seinen Arm um meine Schultern gelegt. »Der wird ab jetzt dein wichtigstes Verkehrsmittel werden, wetten?«
    Als der Fahrstuhl so voll war, dass nur noch Papa und ich hineingepasst haben, hat er mir gezeigt, dass ich immer den Knopf mit der 10 daneben drücken muss. Ich durfte es gleich ausprobieren und musste mich nur ein wenig auf die Zehenspitzen stellen, um die 10 zu erreichen, und schon fuhren wir los. Aber statt bis zum zehnten Stock durchzufahren, blieb der Fahrstuhl schon in der ersten Etage stehen. In der zweiten auch, dann in der dritten und in jedem Stockwerk, und aus dem Treppenhaus hörte ich, wie jemand mit schnellen Schritten nach oben lief, immer neben dem Fahrstuhl oder sogar ein Stück voraus. Zu sehen war niemand.
    »So ein Witzbold«, brummte Papa und wischte sich die Stirn mit einem Stofftaschentuch ab, denn wir sind an einem ziemlich heißen Tag umgezogen. »Wenn ich den oben erwische, werde ich ihm gleich die Hammelbeine lang ziehen.«
    Ich hatte schon an den Schritten gehört, dass der Witzbold ein Kind sein musste. Erwachsene machen so was nicht und können auch nicht so schnell rennen, schon gar keine Treppen. Ich habe aber nicht geglaubt, dass das Kind extra oben auf uns warten würde, um sich von Papa ausschimpfen zu lassen. Doch ein bisschen habe ich es gehofft, vor allem weil ich wissen wollte, ob es ein Junge oder ein Mädchen war.
    Schließlich kamen wir doch noch oben an. Papa stieß die Fahrstuhltür auf, und davor stand ein Junge mit schwarzen Haaren und dunkelbraunen Augen und grinste. Ich dachte, dass er etwa

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