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Winterreise

Winterreise

Titel: Winterreise
Autoren: Gerhard Roth
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die Türe auf. Er hörte die Schritte des Mannes im Stiegenhaus und folgte ihnen. Zunächst stand er vor einer Tür, durch deren Briefschlitz er ein Stück Hinterhof sah, dann lief er den Treppenflur hoch und befand sich vor einem traurigen Hotelfoyer. Auf der Glastür war die Inschrift »Hotel Principe« nur noch in Fragmenten von goldenen Buchstaben zu lesen. Nagl läutete und sofort erschien der Portier mit dem Mann und zeigte ihm drei Zimmer, die er ihm zur Auswahl anbot.
     
    Nagl nahm das hellste Zimmer, mit Blick auf die Straße. Es war unsagbar schmutzig, wie die anderen auch, doch Nagl hatte nicht gewagt, die Koffer zurückzuverlangen. Zwischen den schmutzigen weißen Gardinen hing eine Schnur mit einem Messingknopf, der im Sonnenlicht leuchtete. Die Wände waren einförmig tapeziert, der Bettüberwurf hatte Brandlöcher, der zerrissene Teppich war staubig. An der Wand hing eine Fotografie des Vesuv hinter der Bucht von Neapel, ein mächtiger Schatten, aus dem Flammenwolken stiegen, als sollte die Erde in eine Feuerkugel verwandelt werden.
6
    Als Anna sich geduscht hatte, hatte Nagl einen Vorhang geöffnet und sie im Spiegel gesehen, mit von Kälte wegstehenden Warzen auf der weißen, mädchenhaften Brust, dem weichen, dunklen Schamdreieck und den lackierten Zehennägeln. Er war auf einmal so erregt, daß er sie auf das Bidet drückte. Ihr Körper war kalt, aber ihr Mund war warm. Zum ersten Mal, seit er sie wiedergesehen hatte, küßte er sie und dachte dabei an die Männer, mit denen sie geschlafen hatte. Aus den Augenwinkeln sah er ihre nackten, gespreizten Schenkel, er öffnete seine Hose und nahm seinen Schwanz heraus. Sie war naß und heiß und eng, er spürte ihre Hand, ihre glatte, kleine Vogelzunge, die über sein Gesicht und in seinem Mund leckte, und er hörte ihr hohes, lautes Stöhnen, das ihn immer verrückt gemacht hatte, aber ihm fiel ein, daß sie auch bei anderen Männern gestöhnt hatte, und er war erregt und zugleich verletzt. Dann hörte er, wie die Tür geöffnet wurde und jemand die Koffer zu Boden stellte. Sie hielten an und lauschten und unterdrückten ihren heftigen Atem. Auch der andere schien zu lauschen, denn man hörte nur den Lärm der Autos von der Straße. Wütend zog Nagl seine Hose hinauf und riß einen Vorhang zur Seite. In einer schmierigen, schwarzgrünen Livree stand ein Hausdiener im Zimmer und lachte mit einem Mund, dem ein paar Zähne abhanden gekommen waren. Nagls Stimme war von der Umarmung und vom Flüstern heiser. Natürlich wußte der Hausdiener, was vorgefallen war. Schließlich war Nagl angezogen aus dem Duschraum gekommen, während Anna sich in ihm versteckt hielt. Der Hausdiener lächelte wieder, bevor er aus dem Zimmer verschwand. Nagl ging zurück hinter den Plastikvorhang, mit unwilligem Gesicht wegen der Unterbrechung, aber Anna drängte sich ihm flüsternd und seufzend entgegen, so daß er sie aufhob und auf das Bett legte. Er begann von der Frau des Gendarmen zu erzählen, wie sie nackt vor ihm auf dem Bett gekniet war und er sie geliebt hatte, bis Anna stöhnte, Flecken im Gesicht, während sie ihn eng an sich preßte.
     
    Die Piazza Garibaldi lag im Sonnenschein. Nagl hatte sich entschlossen, zum Hafen zu gehen, vorher auf der Piazza Garibaldi Geld gewechselt und dann, ohne danach Ausschau gehalten zu haben, in der Ferne den Vesuv gesehen. Währenddessen hatte Anna eine Tierhandlung betreten und sich vor einen Käfig gehockt, aus dem ein kleiner Hund zwischen den Stäben schnupperte. Nagl wartete auf sie, stöberte mit der Hand in seiner Rocktasche und fand dabei die Visitenkarte. »Hotel Principe« stand auf der Visitenkarte. Via Firence 16 und die Telefonnummer. Nagl steckte sie ein und schaute zum Vesuv, dessen Gipfel von Wolken bedeckt war.
     
    Je näher sie zum Hafen kamen, desto enger wurden die Gassen. Orangen und Zitronen auf Karren und in Obstkisten gingen über in Kisten praller roter Paprikas, Gurken und Zucchini. Gemüsehändler mit Mützen und Schürzen trugen Kisten von Lauch, Radieschen, Kohl, Fenchel, Birnen und Äpfel an ihnen vorbei, es roch nach Fisch und Fleisch, Obst, Zwiebeln und Käse. Vor ihnen saß eine fette Frau, die auf einem Tischchen eine Stange Marlboro zum Kauf anbot, hinter ihr drehte eine magere Alte ihre Haare in Lockenwickler. Anna betastete die Früchte und das Gemüse. Es war ein Betasten und Zurschaustellen von Eingeweiden, Berge von Karfiol, Tomaten und Salatköpfen, wie grünweißes Bauchfell, Herzen und

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