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Wintermaerchen

Wintermaerchen

Titel: Wintermaerchen
Autoren: Mark Helprin
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Die Flucht des weissen Hengstes
    E s war einmal ein weißer Hengst an einem stillen Wintermorgen. Weicher, nicht allzu tiefer Schnee bedeckte die Straßen der Stadt. Am Himmel funkelten zahllose Sterne. Im Osten kündigte sich schon dämmerig blau der Morgen an. Kein Lüftchen regte sich, doch es war damit zu rechnen, dass schon bald nach Sonnenaufgang ein eisiger Wind das Flussbett des Hudson hinabgebraust käme.
    Das Pferd war aus seinem Stall, einem engen Bretterverschlag im Stadtteil Brooklyn, geflohen. Mutterseelenallein trottete es nun über die tagsüber stark befahrene Williamsburg-Brücke. Der Mann, der von früh bis spät die Brückengebühr zu kassieren hatte, schlief noch neben seinem Ofen.
    Der frische Schnee dämpfte den Hufschlag des Hengstes. Mehrmals blickte er zurück, um sich zu vergewissern, dass er nicht verfolgt wurde. Seit seiner Flucht aus Brooklyn hatte er in raschem Tempo vier oder fünf Meilen hinter sich gebracht, vorbei an stillen Kirchen und geschlossenen Läden.
    Weiter unten im Süden, an der Mündung des Hudson, bahnte sich zur selben Zeit das Fährschiff, in der Dämmerung ein funkelndes Pünktchen, zwischen Eisschollen hindurch seinen Weg nach Manhattan, wo um diese frühe Stunde nur ein paar Marktfrauen und Händler auf den Beinen waren. Sie warteten darauf, dass die Fischerboote durch das Hell Gate den noch nächtlich ruhigen Strom hinabgeglitten kamen.
    Was der Hengst getan hatte, war unsinnig – und er wusste es. Schon bald würden sein Herr und dessen Frau aufstehen, Feuer im Herd machen und ihren Arbeitstag beginnen. Wieder einmal müsste die Katze die schmerzliche Demütigung über sich ergehen lassen, von ihrem warmen Plätzchen in der Küche vertrieben zu werden und durch die halb offene Tür hindurch in hohem Bogen, das Hinterteil voraus, auf einem schneebedeckten Haufen Sägespäne zu landen. Der Duft von Blaubeeren und heißen Pfannkuchen würde sich mit dem süßlichen Geruch harzigen Brennholzes mischen, und schon wenig später würde der Herr des Hauses mit stampfenden Schritten den Hof überqueren, um ihn, den weißen Hengst, zuerst zu füttern und dann vor das mit Milchkannen beladene Fuhrwerk zu spannen. Doch der Stall wäre leer und von einem weißen Hengst weit und breit keine Spur.
    Das ist ein hübscher Spaß, sagte sich der Hengst. Diese Art des trotzigen Aufbegehrens ließ sein Herz höherschlagen und jagte ihm eine köstliche Angst ein. Er wusste genau, dass sein Herr schon bald hinter ihm her sein würde. Vielleicht musste er sich wieder einmal auf schmerzliche Schläge gefasst machen, doch zugleich spürte er, dass sein Herr nicht nur zornig, sondern auch amüsiert, ja sogar ein wenig geschmeichelt wäre, denn wieder einmal war es ihm, dem Hengst, gelungen, seine Flucht mit Mut und List in die Wege zu leiten. Das verdiente Respekt. Eine kleinliche, einfallslose Revolte wie das Zertrümmern der Stalltür mit dem Huf wurde zu Recht mit der Peitsche geahndet, doch selbst dann machte der Herr nicht immer davon Gebrauch. Er wusste die Aufsässigkeit seines Pferdes zu schätzen, und dessen geheimnisvolle Intelligenz erfüllte ihn mit einem Gefühl von Dank und Anerkennung. Bisher war es jedes Mal sein Nachteil gewesen, wenn er die Klugheit des Hengstes unterschätzt hatte. Im Übrigen liebte er das Pferd und hatte eigentlich nichts dagegen, ihm bisweilen durch ganz Manhattan hinterherzujagen. Diese Eskapaden lieferten ihm nämlich stets einen Vorwand, um all seine Freunde zusammenzutrommeln und mit ihnen sämtliche Kneipen der Gegend abzuklappern. Bei ein paar Bieren und Schnäpsen erkundigte er sich dann bei den Gästen, ob niemand seinen schönen, großen und schneeweißen Hengst gesehen habe, der wieder einmal ausgerissen sei und sich nun ohne Trense, Zügel und Decke irgendwo in der Stadt herumtreibe.
    Der Hengst konnte auf Manhattan einfach nicht verzichten. Dieser Teil der Stadt zog ihn an wie ein Magnet, wie ein Vakuum, wie ein Sack mit Hafer, wie eine Stute oder wie eine endlose, von Bäumen gesäumte Allee.
    Am jenseitigen Ende der Brücke angelangt, blieb der Hengst wie angewurzelt stehen. Vor ihm lagen Tausende von Straßen. Es herrschte tiefes Schweigen. Nur der Wind rauschte leise. Die Stadt lag verlassen da. Der frische Schnee hatte sich in den Straßen zu kleinen Verwehungen aufgetürmt, die noch von keiner Fußspur und keinem Wagenrad berührt worden waren. Voller Freude betrachtete der Hengst dieses weiße Labyrinth. Er setzte sich wieder in

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